Die Uhr Tickt
Letzte Bootsprojekte an Tauha vor der große Reise
Seit unserer Rückkehr nach Tahiti war das Leben an Bord von Tauha alles andere als ruhig. Jeder Tag war gefüllt mit Projekten, Reparaturen, Proviant-Einkäufen und jeder Menge Problemlösungen, während wir uns auf unsere nächste große Ozeanpassage vorbereiten. Genau die Flitterwochen, von denen jeder träumt! Die gute Nachricht? Nach anderthalb herausfordernden Wochen fühlen wir uns endlich bereit. Naja ... fast. Momentan warten wir noch darauf, dass unser Segel vom Segelmacher zurückkommt. Sobald das erledigt ist, werden wir das Wetter genau beobachten und uns darauf vorbereiten, in den nächsten Tagen die Leinen loszuwerfen. Der Weg bis hierhin war allerdings alles andere als eine ruhige Segelfahrt.
Ein holpriger Start
Kaum waren wir zurück an Bord, wartete auch schon das erste Problem auf uns: Das Kraftstoffventil unseres Dinghy-Motors war kaputt, sodass der Motor nicht mehr startete. Nicht ideal, wenn das Ersatzteil noch im Mietwagen an Land liegt. Zum Glück hatten wir genug Essen und Wasser an Bord, um keinen vollständigen Krisenmodus auszulösen. Nach etwas kreativer Improvisation, bestehend aus Dichtmasse, Tape und einer gesunden Portion Optimismus, gelang es uns, das Ganze so weit zu flicken, dass eine einzige Fahrt an Land möglich war. Wir holten das Ersatzteil, bauten es ein und waren wieder einsatzbereit. Es fühlte sich ein bisschen so an, als wollte uns das Universum daran erinnern, dass das Leben auf dem Boot nichts für schwache Neven ist.






Wellentraining
Was wir definitiv nicht erwartet hatten, war, wie unruhig es innerhalb des Riffs sein würde. Aus anfänglich leicht kabbeligen Bedingungen bei unserer Ankunft wurden nach und nach große Schwellbewegungen, die in die Ankerbucht hineinliefen. Über dem Riff brachen Wellen in beeindruckenden Tubes und erreichten uns teilweise mit genug Kraft, um lose Gegenstände durchs Cockpit zu schicken. Zeitweise fühlte es sich weniger wie eine geschützte Lagune an, sondern eher wie offenes Meer. Für mich war dies einen echten Härtetest in Sachen Seekrankheit. Selbst jetzt, während ich schreibe, rollt das Boot noch so stark, dass Tippen zur kleinen Herausforderung wird. Sogar Alex, dessen Magen normalerweise aus Stahl ist, hat zugegeben, dass ihm nicht ganz wohl war. Aber es gibt auch einen kleinen Sieg zu feiern: Ich habe bisher kein einziges Mal die Fische gefüttert. Wuhu!
Selbst schlafen wurde zur Herausforderung, da wir die ganze Nacht im Bett hin und her geworfen wurden. Und leider ist leichte Seekrankheit nicht gerade ideal, wenn man eigentlich Reparaturen erledigen möchte. Die Produktivität hat definitiv gelitten, sobald das Meer uns wieder daran erinnert hat, wer hier wirklich das Sagen hat.


Mast-Abenteuer
Eine der weniger spassige Aufgaben ist es, jemanden in den Mast zu schicken. Dieser jemand ist bei uns meistens Alex. Ob das an meinen beeindruckenden Armmuskeln oder seinem robusteren Magen liegt, ist noch nicht ganz geklärt. Wirklich angenehm findet es keiner von uns. Jemanden 15 Meter hoch in die Luft zu ziehen, während das Boot unter einem schaukelt, ist jedenfalls nichts, was man als entspannend bezeichnen würde. Trotzdem ging es fuer uns mal wieder hoch hinaus. Mehrmals sogar.
Der Aufwand hat sich gelohnt: Unser Windsensor weigert sich zwar weiterhin, die Windgeschwindigkeit korrekt anzuzeigen (danke, defekter Ersatzsensor), aber wir konnten immerhin zwei neue Saling-Lichter installieren. Diese dienen uns als Arbeitsbeleuchtung im Ankergrund oder falls wir nachts einmal etwas an Deck erledigen müssen. Außerdem haben wir ein sogenanntes „Steaming Light“ montiert, das bei Motorfahrt vorgeschrieben ist. Neue Kabel durch einen Mast zu ziehen ist dabei alles andere als ein schneller Job. Alte Verkabelung entfernen, neue Leuchten montieren, Kabel durch enge und unkooperative Wege fädeln und alles am Ende im Schalttafel-System anschließen, das dauert. Als Alex jedoch schließlich die Schalter umlegte und alles tatsächlich aufleuchtete, war die Freude dafür umso größer. Zusätzlich haben wir unser altes Halogen-Hecklicht durch eine moderne LED-Version ersetzt, was unseren Stromverbrauch senkt und unsere wertvollen Batteriereserven schont.




Mehr Sonnenschein, Mehr Strom
Apropos Elektrizität: Wir haben zwei unserer Solarpaneele aufgerüstet.
Die neuen Module sind größer und erhöhen unsere tägliche Energieproduktion deutlich. Das ist wichtig, denn moderne Fahrtensegler verbrauchen mehr Strom, als man auf den ersten Blick denkt. Navigationssysteme, Kühlschrank, Computer, Beleuchtung, Wasserpumpen und Kommunikationssysteme summieren sich schnell. Theoretisch sollte unser überarbeitetes Setup unseren täglichen Bedarf problemlos decken. Und wenn nicht? Dann haben wir noch kleinere Backup-Paneele, die jederzeit zusätzlich angeschlossen werden können. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Sonne mitspielt und unsere Abschätzung an Strom verbrauch halbwegs realistisch waren.




Sicherheit geht vor
Ein weiteres kleines, aber sehr wichtiges Projekt war die Installation unseres LifeSling. Für alle, die das System nicht kennen: Ein LifeSling ist ein Mann-über-Bord- (oder Frau-über-Bord-) Rettungssystem, bestehend aus einer Auftriebshilfe, die an einer langen Leine befestigt ist. Im Notfall kann es schnell ausgeworfen werden, um eine Person aus dem Wasser zu retten. Die Installation bedeutete auch, dass wir am Heck ein paar Dinge umorganisieren mussten, inklusive der Versetzung unseres Grills auf die andere Seite des Bootes. Eine kleine Veränderung mit großer Wirkung: deutlich mehr Sicherheit an Bord.
Tauha fuehlt sich langsam wie ein Zuhause an
Nicht alle Projekte hatten mit Werkzeug oder Reparaturen zu tun. Überraschend viel Zeit haben wir einfach mit Organisieren verbracht. Dinge, die wir selten brauchen, wanderten nach vorne in unseren Stauraum. Das hintere Bad wurde komplett aufgeräumt und ist endlich wieder voll nutzbar. Und irgendwie haben tatsächlich all unsere Klamotten ihren Platz in den winzigen Kabinenfächern gefunden. Das Boot wirkt sofort deutlich größer, wenn alles seinen Platz hat.
Noch gemütlicher wurde es durch neue Kissenbezüge, die meine Mum und meine Großmutter genäht haben. Sie haben den Innenraum komplett verändert und ihn viel mehr wie ein Zuhause wirken lassen.
Außerdem sind wir jetzt stolze Besitzer eines Ukuleles. Damit sie sicher verstaut ist und nicht bei jeder Welle durch die Kabine fliegt, haben wir eine eigene Wandhalterung gebaut. Jetzt hängt es stolz im Salon, auch wenn es klanglich noch etwas Luft nach oben gibt.
Kleine Dinge wie ein Toilettenpapierhalter, ein neuer Duschkopf und ein paar dekorative Details haben ebenfalls einen riesigen Unterschied gemacht. Es ist erstaunlich, wie viel Komfort in so einfachen Verbesserungen steckt.




Die Segel-Saga
Ein Projekt, bei dem wir von Anfang an ahnten, dass es kompliziert werden könnte, war unser neues Vorsegel (Genua). Wir haben das Segel aus den USA mitgebracht, um etwas Geld zu sparen, hatten aber schon dort den Verdacht, dass es vielleicht etwas zu groß sein könnte. Leider hat sich dieser Verdacht bestätigt. Die Lieklänge, also die Vorderkante des Segels, ist etwa einen Meter zu lang für unser Rollsystem, da unser Furler etwas höher sitzt als Standard. Dieser zusätzliche Meter wurde zu einem echten Problem.
Zum Glück konnte uns ein lokaler Segelmacher helfen. Der Plan ist, das Vorliek um ungefähr einen Meter zu kürzen, damit das Segel korrekt passt. Wenn alles gut läuft, bekommen wir es morgen zurück.
Daumen- und Zehendrücken ist ausdrücklich erwünscht!


Das Wasserentsalzterer-Drama
Gerade als wir dachten, ein großes Problem gelöst zu haben, tauchte das nächste auf. Unser Wasserentsalzer hatte während unseres letzten Aufenthalts an Bord den Dienst quittiert, weil eine der Endkappen am Hochdruck-Membrangehäuse gerissen war. Also bestellten wir (noch in den USA) ein Ersatzteil. Wir bauten es ein. Wir starteten das System. Und.... Die gegenüberliegende Seite brach sofort. Fantastisch.
Nach einigem Herumfragen wo wir hier in Tahiti noch ein Ersatzteil auftreiben könnten, wurden wir zu einem bestimmten Laden geschickt, der angeblich die benötigten Teile führen sollte. Also fuhren wir mit dem öffentlichen Bus quer durch die Stadt, bewaffnet mit kaputten Teilen, fragwürdigen Französischkenntnissen und einer Übersetzungs-App. Wir waren optimistisch. Doch dann kam die Enttäuschung. Die Mitarbeiterin konnte das Teil nicht finden und schickte uns zu einem anderen Geschäft. Der zweite Laden schickte uns direkt wieder zurück und erklärte, sie seien der einzige Betrieb auf der Insel, der Wasserentsalzer-Teile verkauft. Zurück im ursprünglichen Laden gab es nach mehreren Gesprächen und reichlich Verwirrung schließlich die E-Mail-Adresse des Managers. Bevor wir aufgaben, stellte ich noch eine letzte Frage: „Könnten Sie bitte versuchen, die Teilenummer direkt im Computer einzugeben?“ Und da war es. Sie hatten das Teil die ganze Zeit. Dieser Moment hat möglicherweise unseren gesamten Auslaufplan gerettet. Zur Feier des Tages gönnten wir uns Kokosnusseis in einem nahegelegenen Park, bevor wir zurück zum Boot gingen. Die Reparatur funktionierte. Wir spülten die Tanks, starteten das System und plötzlich hatten wir wieder frisches Süßwasser. Was für eine Erleichterung! Und ganz nebenbei wurde sogar das Abwaschen wieder deutlich weniger nervig. Halleluja.
Die Navigation nimmt Gestalt an
Eines unserer größten technischen Projekte war das Navigationssystem. Wir haben einen Monitor im Cockpit installiert, der mit einem Raspberry Pi verbunden ist, auf dem eine Open-Source-Navigationssoftware läuft. Alex hat dabei einmal mehr seine Magie gespielt und alles miteinander verknüpft: Radar, Wettervorhersagen und Seekarten. Jetzt können wir direkt vom Cockpit aus auf Radarbilder, Wetter- und Wellenprognosen sowie verschiedene Kartensysteme zugreifen. Ein echtes Upgrade, das einen großen Unterschied machen wird, sobald wir draußen auf See sind.
Die einzige verbleibende Verbesserung: Alles soll noch direkt über 12 Volt laufen, statt über den Inverter. Dafür brauchen wir neue Verkabelung und Sicherungen, ein Projekt für einen anderen Tag.
Die tausenden kleinen Aufgaben
Und dann gab es da noch all die Arbeiten, die nie die spannenden Geschichten liefern. Unmengen an Dosenproviant einkaufen. Wäsche waschen. Putzen. Den Traveller neu einrichten. Leinen am Mast neu verlegen. Die Mastdurchführung neu abdichten, Türgriffe ersetzen. Deckbeschläge neu abdichten. Stauräume organisieren. Dekorieren. Noch mehr putzen. Und dann wieder putzen.
Bootsvorbereitung fühlt sich oft an wie tausend kleine Aufgaben, die irgendwie ganze Tage verschlucken.
Aber Stück für Stück hat sich Tauha verwandelt, von einem Boot, das mehr also nur ein wenig Liebe benötigt brauchte, zu einem Boot, das sich bereit für Abenteuer anfühlt.




Fast Geschafft
Nach Wochen voller Reparaturen, Upgrades, Fehlersuche, Organisation und mehr Besuchen im Baumarkt, als wir zählen können, nähern wir uns endlich der Ziellinie. Das Segel ist das letzte große Puzzleteil. Sobald es wieder an Bord ist und das Wetter passt, wird Tauha ihren Bug Richtung Horizont drehen.
Und ehrlich? Wir können es kaum erwarten.
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