Ein großer Schritt für uns, ein kleiner für die Menschheit
Erster Stopp: Mo'orea
Eine kleine Insel, nur 10 Seemeilen entfernt, sollte der Beginn unseres Abenteuers werden. Obwohl ich bereits zuvor nach Moorea gesegelt war, fühlte es sich plötzlich ganz anders an, Tahiti zu verlassen, mit dem Wissen, dass es diesmal kein Zurück mehr geben würde. Als wir am Dienstag die Bestätigung bekamen, dass unser Segel geliefert werden würde, und gleichzeitig die Wettervorhersage für Mittwoch stabile 15 Knoten Wind aus Süd-Südwest versprach, war die Entscheidung schnell gefallen. Wir würden am Mittwoch aufbrechen und die Hochwasserzeit gegen 14 Uhr nutzen.
Der Vormittag verging überraschend schnell. Wir machten noch einen letzten Abstecher zum Segelladen, um Motorkühlmittel und neue Paddel für unser Dinghy zu kaufen. Nach den starken Winden und Wellen der vergangenen Tage hatte sich eines unserer Paddel offenbar heimlich verabschiedet und war irgendwo in den Wellen verloren gegangen. Danach standen die letzten Aufgaben an: Wasserkanister auffüllen, den letzten Müll entsorgen und schließlich die Schlüssel für die Hafentoilette zurückgeben. In diesem Moment wurde es plötzlich real. Als wir im Dinghy zurück zu Tauha saßen, hatten wir beide dasselbe Gefühl im Bauch. Es war eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität. Nach all den Vorbereitungen, Planungen, Reparaturen und dem langen Warten sollte unser Abenteuer heute tatsächlich beginnen.
Zurück an Bord entschieden wir uns der alten Genua (dem Vorsegel) noch eine letzte Chance für diese kurze Überfahrt zu geben und zu hoffen, dass es durchhält. Die Entscheidung war geprägt durch den starken Wind der es schon den Tag zuvor unmöglich gemacht hatte das neue Segel rauf zu ziehen. Wir holten das Dinghy an Bord, kramten unsere Rettungswesten aus den Schränken, starteten die Navigationssysteme und waren um 12:30 Uhr bereit zum Ablegen. Naja... fast.
Das Loskommen von der Mooring erwies sich als schwieriger als gedacht. Der Wind blies so kräftig, dass allein das Losbinden zur Herausforderung wurde. Während ich versuchte, das Boot unter Motorkraft vorsichtig in Position zu halten, kämpfte Alex mit Leinen und Knoten. Gleichzeitig schien der Wind fest entschlossen, uns mal nach links und mal nach rechts zu schieben. Mit dem Riff hinter uns und anderen Booten um uns herum stieg der Stresspegel unangenehm an. Irgendwann jedoch gaben die Leinen nach. Wir steuerten auf die Ausfahrt zu und passierten den Kanal ohne weitere Probleme. Und plötzlich waren wir unterwegs. Unterwegs in das Abenteuer, von dem wir so lange geträumt hatten.
Wir setzten die Segel. Ich übernahm das Steuer, während Alex sich um die Segel kümmerte. Zwei bis drei Meter hohe Wellen liefen schräg von hinten ein und machten die Überfahrt für den Magen etwas anspruchsvoller. Trotz meiner Neigung zur Seekrankheit schaffte ich die gesamte Strecke zu steuern und navigieren. Das machte mir Hoffnung für die vielen Passagen, die noch vor uns lagen. Der Wind schob uns ordentlich voran, und wir machten gute Fahrt in Richtung Mo'orea. Etwa auf halber Strecke bemerkte ich plötzlich, dass der obere Teil der Genua deutlich stärker zu flatterten anfing. Ich bat Alex nachzusehen und sicherzustellen, dass nichts zu reißen drohte. Er schaute nach oben. „Sieht alles gut aus.“ Eine Sekunde später folgte ein: „Oh.“ Das ist kein Laut, den man hören möchte, wenn jemand gerade ein Segel inspiziert. Die Fallleine, die die Genua oben hält, hatte sich vom Segel gelöst. Das Segel fiel zwar nicht komplett herunter, aber ohne das Fall konnten wir keine richtige Spannung mehr aufbauen. Nicht ideal. Also rollten wir die Genua teilweise ein, fast so, als würden wir reffen, und konnten dadurch wieder genügend Spannung aufbauen. Perfekt war es nicht, aber es funktionierte, und wir setzten die Fahrt fort.




Nur zwei Stunden nach dem Ablegen näherten wir uns bereits der Einfahrt zur Lagune von Vaiare auf Mo'orea. Hier legt auch die Fähre aus Tahiti an, und für Fähren gilt eine einfache Regel: Sie halten für niemanden. Also warteten wir höflich, bis die Fähre den Pass passiert hatte, bevor wir selbst durch das Riff fuhren. Die nächste Herausforderung wartete bereits. Ankern.
Es war das erste Mal, dass Alex und ich gemeinsam ankerten. Die Bucht war etwas knifflig, da der Meeresboden sehr steil von flachem Wasser in große Tiefen abfällt. Einerseits möchte man genügend Kette stecken, damit der Anker sicher hält, andererseits vergrößert sich dadurch auch der Schwojkreis. Schließlich ließen wir den Anker in etwa fünf Metern Wassertiefe fallen. Er hielt sofort. Perfekt. Die Bucht war ruhig, es wehte kaum Wind, die Sonne schien, und es fühlte sich tatsächlich an, als wären wir direkt ins Paradies gesegelt. Wir beschlossen, an diesem Tag nicht mehr viel zu unternehmen. Stattdessen saßen wir mit einem kalten Bier auf dem Achterschiff, schauten auf die unglaubliche Kulisse und versuchten zu begreifen, dass wir es tatsächlich geschafft hatten. Wir bereiteten uns nicht mehr vor. Wir waren jetzt wirklich unterwegs. Natürlich folgte kurz darauf noch ein Sprung ins Wasser.
Am Abend stellten wir unseren Ankeralarm ein. Dieser nutzt das GPS und schlägt Alarm, wenn sich das Boot außerhalb eines festgelegten Bereichs um die Ankerposition bewegt. Leider war es nicht dieser Alarm, der mich weckte. Stattdessen hörte ich ein tiefes „Wumm“ unter dem Boot. Dann noch eins. Ich drehte mich um, um Alex zu wecken, bemerkte aber sofort, dass er gar nicht im Bett lag. Kein gutes Zeichen. Als ich an Deck kam, wusste ich bereits, was los war. Der Wind hatte gedreht. Durch die lange Ankerkette hatte sich das Boot in flacheres Wasser geschwojt. Mit jeder Welle berührte unser Kiel nun den sandigen Grund. Zeit zu handeln. Während Alex die Karten vorbereitete, startete ich den Motor und versuchte, mich in der stockdunklen Nacht zu orientieren. Wenige Augenblicke später stand Alex am Bug und holte den Anker hoch. Und plötzlich trieben wir dahin ohne Anker, bei kräftigem Wind, in völliger Dunkelheit und mit einem Riff in der Nähe. Ruhe bewahren. Als Erstes fuhren wir vom Riff weg. Dann entwickelten wir einen neuen Plan. Wir wollten etwas weiter draußen ankern, dort wo der Abhang weniger steil war, und etwas weniger Kette stecken. Bei unserem ersten Versuch kamen wir einem anderen Boot etwas nahe, also drehten wir noch eine Runde. Beim zweiten Versuch zeigte das Echolot etwa zehn Meter Tiefe als Alex den Anker im Wasser versenkte. Ich legte sofort den Rückwärtsgang ein, um sicherzustellen, dass er sich eingrub.
Genau in diesem Moment begann es zu regnen. Als wäre die Situation nicht schon aufregend genug gewesen. Zum Glück hielt der Anker. Wir blieben noch etwa eine halbe Stunde an Deck, beobachteten Karte, Echolot und Ankeralarm. Alles sah stabil aus. Schließlich gingen wir wieder schlafen. Wirklich gut schlief allerdings niemand. Jedes Geräusch klang plötzlich verdächtig. Selbst eine Kokosnuss, die gegen den Rumpf trieb, reichte aus, um Alex aus dem Bett springen zu lassen. Am nächsten Morgen lagen wir jedoch immer noch exakt dort, wo wir in der Nacht geankert hatten. Erfolg. Was für eine erste Nacht.


Am nächsten Morgen fuhr Alex mit dem Dinghy zu unseren Nachbarn hinüber. Nach unserer nächtlichen Umanker-Aktion lagen wir nun recht nah beieinander. Er wollte sich für den nächtlichen Lärm entschuldigen und sicherstellen, dass unsere Position für sie in Ordnung war. Es stellte sich heraus, dass es eine sehr nette Familie aus der Schweiz war. Der Vater gab uns sogar einige Tipps und Empfehlungen für weitere Ziele in Französisch-Polynesien, die wir dankbar annahmen. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, endlich die neue Genua rauf zu ziehen. Sie passte perfekt und sah großartig aus. Außerdem gelang es uns, das Fall wieder durch den Mast zu führen, und es funktionierte alles genau so, wie es sollte. Danach standen noch ein paar Dinghy-Reparaturen an, bevor wir den Abend mit Schnorcheln und Stand-up-Paddling ausklingen ließen. Am Abend holte uns die Müdigkeit der schlafarmen Nacht endgültig ein, und wir fielen praktisch direkt ins Bett.
Für den nächsten Tag hatten wir eigentlich eine Wanderung geplant. Die Insel hatte allerdings andere Pläne. Wolken und Regen zogen auf, sodass wir stattdessen unsere Route planten und etwas Papierkram erledigten. Wir diskutierten über die nächsten Inseln, mögliche Abfahrtszeiten und darüber, wie die Ausreiseformalitäten aus Französisch-Polynesien später ablaufen würden. Später fuhren wir mit dem Dinghy an den Strand. Es tat gut, nach so viel Zeit an Bord die Beine zu vertreten. Alex ging schnorcheln, während ich im Dinghy blieb. Die Strömung war extrem stark, und gemeinsam trieben wir durch das Korallenriff, ohne eine einzige Muskel zu benutzen.
Am nächsten Tag zeigte sich schließlich wieder die Sonne. Perfektes Timing. Wir fuhren mit dem Dinghy an Land und machten es in einer kleinen Marina fest, bevor wir unsere Wanderung starteten. Der Weg war wunderschön. Es fühlte sich fast an wie eine Wanderung durch den Dschungel, nur ohne die Sorge, von wilden Tieren gefressen zu werden. Der letzte Abschnitt zum Gipfel hatte es allerdings in sich. Der steile Anstieg und der rutschige Untergrund machten jeden Schritt zur Herausforderung. Doch es lohnte sich. Die Aussicht vom Gipfel war schlicht atemberaubend.
Nachdem wir den Ausblick ausgiebig genossen hatten, machten wir uns wieder auf den Rückweg, kauften frisches Obst bei lokalen Verkäufern, füllten unsere Vorräte im Supermarkt auf und kehrten zu Tauha zurück.
Nun bereiten wir uns auf unsere nächste Passage vor. Morgen soll erneut ein wunderschöner Tag werden, und nach einigen letzten Vorbereitungen wollen wir Kurs auf Huahine setzen. Die Strecke beträgt etwa 100 Seemeilen. Der Plan ist, bei Sonnenuntergang loszusegeln und bei Sonnenaufgang mit genügend Tageslicht anzukommen. Zumindest ist das die Theorie. Wir sind nervös wegen unserer ersten Nachtfahrt, aber gleichzeitig unglaublich gespannt auf den nächsten Schritt unseres Abenteuers. Drückt uns die Daumen! Wir sehen uns in Huahine.



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