Glück muss man haben!

3 Wochen vor unserem finalen Umzug auf's Boot

Die letzten drei Wochen waren wie drei Jahre in einem Mixer.

Kurz gesagt: Ich habe meine Promotion abgeschlossen, bin mit meiner Familie durch den Yellowstone gereist, wir sind aus unserer Wohnung in Boulder ausgezogen, haben in Wisconsin geheiratet und sind anschließend mit sieben übervollen Koffern nach Tahiti zu unserem Boot geflogen, wo wir jetzt die letzten Vorbereitungen für unsere Abfahrt treffen.

Aber fangen wir von vorne an.

Kapitel 1 - Promotion

Ja, ich habe meine Promotion in Aerospace Engineering Sciences abgeschlossen.

Die letzte Woche davor war genau das, was man von einer Endphase erwartet: alles passiert gleichzeitig. Ich war gerade erst aus Italien zurückgekommen, wo meine Freunde eine unglaublich schöne Bachelorette-Party organisiert hatten, und direkt danach ging es in den Endspurt: Wohnung leerräumen, Dinge sortieren, Arbeit abschließen, Leben irgendwie parallel organisieren. Schlaf war in dieser Phase eher ein theoretisches Konzept. Aber irgendwie haben wir es geschafft.

Dann kamen meine Eltern, Großeltern und Brüder nach Boulder, und plötzlich wurde aus Stress etwas völlig anderes: Freude. Wir hatten unglaubliches Wetter, Sonne, perfekte Bedingungen, alles hat sich angefühlt, als hätte es genau so sein sollen. Zwei Tage nach der Feier kam dann der komplette Wetterumschwung mit einem Schneesturm über Boulder. Glück muss man haben!

Die Promotion selbst war surreal. Nach so vielen Jahren Arbeit, Forschung, Zweifeln, Fortschritt, Rückschritten und Lernen stand ich plötzlich dort und jemand sagte „Dr.“ vor meinem Namen. Und genau in diesem Moment wurde mir klar das ich Alex ab jetzt jeden Tag daran erinnern kann, dass es nicht mehr „Niccy“ ist, sondern Dr. Niccy.

Kapitel 2 - Yellowstone

Nach den Feierlichkeiten blieben wir noch in den Bergen in einer wunderschönen Airbnb mit Grill, Blick auf die Natur und einem Whirlpool, bevor es weiter nach Yellowstone ging. Alex blieb zurück in Boulder, weil sein Bruder am Wochenende danach selbst seinen Abschluss hatte. Während wir durch Nationalparks reisten, hat er den kompletten Rest unserer Wohnung in den Jeep geladen und alles nach Wisconsin gebracht.

Ehrlich gesagt: das war eine Leistung für sich!

In Yellowstone hatten wir wieder unglaublich viel Glück mit dem Wetter. Sonne, klare Sicht, perfekte Bedingungen. Glück muss man haben! Und dann diese Landschaften: Geysire, die aus der Erde schießen, endlose Weiten, Dampf, Wasser, Stein. Wir haben Bison gesehen, die einfach mitten durch die Landschaft gelaufen sind, Bären in der Ferne und sogar einen hellen Grizzlybären, der sich perfekt in diese unglaubliche Kulisse eingefügt hat. Das war einer dieser Momente, in denen man einfach nur still wird.

Nach einer Woche sind wir zurück nach Boulder gefahren, wo wir zwei Tage lang nur noch unsere Wohnung final geputzt und leer gemacht haben, bevor es weiter nach Chicago und dann nach Wisconsin ging.

Kapitel 3 - Die Tage vor der Hochzeit

Vor der Hochzeit hatten wir noch einen Abend bei Slugger’s in Chicago, mit Arcade-Spielen und einer kurzen Pause von allem, was organisatorisch gerade passiert ist. Am nächsten Morgen ging es dann zum Standesamt in Wisconsin, um die Heiratslizenz zu holen.

Trotz Vorbereitung, trotz Dokumenten, trotz Planung bleibt es ein seltsamer Moment, wenn plötzlich ein offizielles Amt entscheidet, ob alles stimmt. Diese Mischung aus Bürokratie und „gleich wird es ernst“. Aber es hat alles geklappt. Und plötzlich hatten wir die Heiratsdokumente in der Hand.

Zwei Tage bis zur Hochzeit. ZWEI TAGE!

Das war der Moment, in dem alles unreal wurde. Am Abend trafen dann zum ersten Mal beide Familien aufeinander. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Hintergründe, aber irgendwie hat es sofort funktioniert. Am Ende verbindet ein gutes E=Abendessen und Lachen eben mehr als alles andere.

Kapitel 4 - Die Hochzeit

Dann kamen plötzlich alle an.

Freunde und Familie aus Deutschland, Italien und überall aus den USA. Menschen, die über Ozeane und Kontinente gereist sind, nur um ein Wochenende mit uns zu feiern. Und ehrlich gesagt war genau das der bewegendste Teil. Es ist etwas sehr Emotionales daran, wenn plötzlich Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenskapiteln an einem Ort zusammenkommen. Freunde aus der Schulzeit stehen neben Freunden aus dem Studium, Familie trifft Menschen, von denen sie vorher nur Geschichten gehört hat.

An alle, die den Weg auf sich genommen haben: danke. Besonders Sarah, Kathi und Jan, ihr seid unglaublich.

Am Abend vor der Hochzeit hatten wir unser Rehearsal Dinner mit Grillen, Cornhole-Spielen und einer deutschen Tradition namens Polterabend, bei der Porzellan zerschlagen wird und das Brautpaar es anschließend gemeinsam aufräumt. Offenbar beginnt Ehe mit Teamwork und zerbrochenen Tellern.

Dann war plötzlich Hochzeitstag. Da stand ich mit meinem Vater vor dem Haus, in dem wir uns fertig machten, und wartete darauf, den Gang entlang zu gehen, während Alex vorne stand und bereits geweint hat, bevor ich überhaupt halb angekommen war. Er sah übrigens fantastisch aus. Das Wetter war perfekt. Warme Sonne, blauer Himmel, Frühlingsblumen überall. Am nächsten Tag hat es dann ununterbrochen geregnet.

Glück muss man haben!

Der ganze Tag fühlte sich magisch an, in dieser seltsamen Art, bei der Zeit gleichzeitig unglaublich langsam und viel zu schnell vergeht. Es gab emotionale Reden, großartiges Essen, überall Frühlingsfarben und eine Tanzfläche, die nie leer war. Sogar Bucky the Badger tauchte mehrfach auf. Und irgendwann spät in der Nacht, als wir völlig erschöpft ins Bett gefallen sind, haben wir uns nur noch angeschaut und konnten es kaum glauben. Es war perfekt. Besser, als wir es uns jemals hätten erträumen können.

Kapitel 5 - Die Tage danach

Der nächste Morgen sollte ruhig sein. Entspannt. Friedlich. Stattdessen wurde er zu absolutem Chaos.

Als wir zur Scheune zurückkamen, um unsere Heiratslizenz abzuholen, die wir am Abend zuvor auf einem der Tische liegen gelassen hatten, stellten wir fest, dass die Besitzerin, sehr, sehr freundlich, bereits alles aufgeräumt hatte. Die Tische. Die Unterlagen. Und damit möglicherweise auch unsere Heiratsurkunde. Nach intensiver Suche fanden wir uns schließlich dabei wieder, in Mülleimern voller Bierbecher, Kuchenreste und Dekoration zu wühlen, bis Kristen, meine Schwägerin, und ich schließlich etwas fanden, das aussah wie ein nasser Papierball mit Zuckerguss.

Das Wort „Wedding“ war gerade noch zu erkennen.

Panik.

Wir falteten das durchnässte Papier vorsichtig auseinander, ohne es komplett zu zerreißen. Und erstaunlicherweise waren die Unterschriften größtenteils noch intakt. In diesem Moment hing unser rechtlicher Familienstand komplett an nassem Müll. Überhaupt nicht stressig.

Der Plan war einfach: trocknen lassen und hoffen, dass das Standesamt gnade zeigt.

Der Rest des Tages bestand aus Packen. Einige Dinge gingen mit meinen Eltern zurück nach Deutschland, andere blieben bei Alex’ Familie, und sieben riesige Koffer kamen mit nach Tahiti, hauptsächlich gefüllt mit Bootsteilen, Werkzeug und Segelausrüstung.

Und genau als wir dachten, das Chaos sei vorbei, kam die nächste Erkenntnis langsam an, während wir bereits auf der Rückfahrt nach Chicago waren. Wo ist mein Reisepass? Beim gedanklichen Zurückverfolgen der letzten Tage fiel mir plötzlich ein, dass ich ihn in einen alten Rucksack gesteckt hatte. Den gleichen Rucksack, den ich vor einigen Stunden weggeworfen hatte, weil er kaputt und durchgescheuert war.

Shit.

Sofort rief Alex die Besitzerin der Scheune an, die sehr freundlich erneut zustimmte, im Müll zu suchen. Und dort, unter Kuchenresten und Hochzeitschaos, fand sie meinen Rucksack. Der Reisepass war noch drin. Glück muss man haben!

Diese Entdeckung bedeutete allerdings auch: eine sechsstündige Hin- und Rückfahrt stand am nächsten Tag noch einmal an. Um 3 Uhr morgens, nach etwa drei Stunden Schlaf, machten wir uns auf den Weg und hatten den Reisepass zurück.

Auf dem Rückweg hielten wir beim Standesamt, wo drei sehr amüsierte Mitarbeiterinnen unsere halb zerfallene Heiratsurkunde betrachteten, die für anderen wohl eher wie ein Stück Müll mit Kuchenresten aussah.

„Was für eine Art Kuchen ist das eigentlich?“ fragte eine von ihnen lachend bevor sie uns mitteilte das sie die Urkunde dennoch akzeptieren würden.

Offiziell verheiratet!

Gott sei Dank.

Kapitel 6 - Die Reise

Am nächsten Morgen hatten wir geplant, um 3 Uhr morgens am Flughafen zu sein, um die Rückgabe des Mietwagens zu erledigen und unser Berg an übergroßem Gepäck zu bewältigen. Wir hofften wenigstens auf ein bisschen Schlaf. Stattdessen waren wir bis 2 Uhr nachts wach und haben noch Dankeskarten geschrieben, bevor wir den letzten Koffer gepackt haben. Das ergab ungefähr zwanzig Minuten Schlaf.

Am Flughafen saßen wir dann neben der Gepäckwaage und haben unsere Sachen zwischen den Koffern hin- und her sortiert, als würden wir komplexe physikalische Gleichungen lösen, während das Flughafenpersonal uns beobachtete, als wären wir eine Live-Komödie.

Aber irgendwie hat am Ende jedes Gepäckstück das Gewichtslimit geschafft. Check-in erfolgreich.

Nach einer Erklärung bei der Sicherheitskontrolle, warum ich einen Startermotor im Handgepäck habe, haben wir es schließlich zum Gate geschafft.

Und dann sind wir endlich eingestiegen.

Und zum ersten Mal seit Tagen haben wir aufgehört, uns zu bewegen.

Der Flug selbst war herrlich ereignislos. Filme, Flugzeugessen, Wein und diese tiefe Erschöpfung, bei der selbst Flughäfen plötzlich ruhig wirken.

Offenbar ist das Geheimnis zum Schlafen im Flugzeug ganz einfach: 1. Eine Hochzeit haben. 2. 48 Stunden wach bleiben.

Kapitel 7 - Ankunft in Tahiti

Und schwups waren wir wieder zurück in Tahiti.

Ein paar tropische Regenschauer begrüßten uns am Flughafen, aber diesmal nichts Dramatisches. Ich bin durch die europäische Passkontrolle gegangen, während Alex das Gepäck eingesammelt hat, und irgendwie haben wir es geschafft, sieben Koffer in den kleinsten Mietwagen der Welt zu quetschen.

Ich verstehe bis heute nicht, wie.

Als wir an der Marina ankamen, war es bereits spät und keine Dinghys schienen mehr rauszufahren. Wir warteten eine ganze Weile, bis schließlich ein freundlicher Mann mit seinem Hund am Steg auftauchte. Zum Glück sprach er Englisch. Und noch besser: Er war bereit, uns später zum Boot zu bringen, sobald sein Hund genug Bewegung gehabt hatte. Glück muss man haben!

Eine halbe Stunde später waren wir bereits über das dunkle Wasser unterwegs Richtung Tauha.

Und da war sie. Sie lag ruhig im Wasser, genau dort, wo wir sie verlassen hatten. Perfekt friedlich. Perfekt zuhause.

An Bord öffneten wir alles, überprüften den Bilgenraum (zum Glück trocken), packten nur das Nötigste für die Nacht aus und bauten unser Bett draußen unter den Sternen auf.

Und irgendwo zwischen Meeresbrise und völliger Erschöpfung wurde uns endgültig klar:

Wir haben es geschafft.

Ich habe meine Promotion abgeschlossen.
Wir sind aus unserer Wohnung ausgezogen.
Wir sind durch Yellowstone gereist.
Wir haben unsere Traumhochzeit gefeiert.

Und jetzt sind wir wieder in Tahiti, umgeben von endlosen Bootsprojekten und mitten in den Vorbereitungen für das nächste Abenteuer.

Die nächsten Wochen werden voll von Bootsarbeit, finalen Vorbereitungen und wahrscheinlich noch ein paar weiteren Katastrophen rund um Papierkram und Mülltonnen sein.

Wenn ihr mit uns mitfahren wollt, schaut im nächsten Blogpost vorbei.

Und wie immer: Danke, dass ihr mitgeschwommen seid.

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