Nadi - Fiji

Geburtstag Auf Hoher See

Der Tag war endlich gekommen, an dem wir Tonga verlassen und unseren Kurs Richtung Fiji setzen wollten. Bevor wir jedoch aufbrechen konnten, wollten wir noch eine wichtige Sache erledigen. Wir hatten mehrere Taschen voller Schulmaterial seit Französisch-Polynesien mit uns über den Pazifik gesegelt, um sie unterwegs an Schulen zu verteilen und mit Unterstützung der Organisation Island Child Care die lokalen Gemeinden zu unterstützen. Nun war es endlich so weit, die Sachen an eine Schule in Ha’apai zu übergeben. Wir hatten Stifte und anderes Schulmaterial, Bälle, Zahnbürsten und einige medizinische Dinge dabei. Es fühlte sich gut an, all diese Sachen nach der langen Reise durch den Pazifik endlich weitergeben zu können. Das Wetter war an diesem Morgen allerdings alles andere als einladend. Der Himmel war grau und es regnete. Während Alex zum Hafenbüro ging, um unsere Hafengebühren zu bezahlen, wartete ich mit den Taschen unter einem kleinen Dach am Hafen. Eigentlich hätte das bezahlen nicht lange dauern sollen, doch irgendwie dauerte es fast eine Stunde. Schließlich kam Alex zurück, und wir machten uns gemeinsam auf den Weg zur Schule in Pangai.

Zurück zur Schule

Die Schule war ein wirklich kleiner, hübscher Ort, und zum Glück stand der Schuldirektor gerade draußen, als wir ankamen. Er begrüßte uns sofort und führte uns in eines der Klassenzimmer. Dort konnten wir mit den Kindern sprechen, ihnen erzählen, wer wir sind, woher wir kommen und was wir machen. Vor allem aber konnten wir ihnen endlich all die Sachen zeigen, die wir für sie mitgebracht hatten, und die Schulmaterialien und anderen Dinge übergeben, die wir den ganzen Weg durch den Pazifik mit uns getragen hatten. Es war ein ganz besonderer und berührender Moment. Gleichzeitig war es interessant zu sehen, wie präsent traditionelle Rollenverteilungen hier noch immer sind. Obwohl mir mit Respekt begegnet wurde, war Alex eindeutig derjenige, an den die meisten Fragen gerichtet wurden. Es war nur eine kleine Beobachtung, aber dennoch ein interessanter Einblick in die Kultur und darin, wie manche Dinge hier noch immer anders wahrgenommen werden. Danach verließen wir die Schule mit einem guten Gefühl und machten uns wieder auf den Weg zum Hafen. Wir meldeten uns offiziell aus Tonga ab, besorgten noch ein paar letzte Vorräte und machten schließlich alles für die Abfahrt klar. Fiji wartete auf uns.

Aufbruch nach Fiji

Als wir Tonga verließen, war der Wind zunächst recht kräftig, sodass wir die Fahrt mit gerefften Segeln begannen. Nachdem sich die Bedingungen etwas beruhigt hatten, konnten wir schließlich die Segel wieder ganz setzen. Der Wind kam direkt von achtern und auch die Wellen liefen in die gleiche Richtung. Perfekte Bedingungen für einen angenehmen Start in unsere Überfahrt.

Gemeinsam mit unseren Schweizer Freunden verließen wir Ha’apai, dicht gefolgt von unseren Freunden aus den Niederlanden. Je weiter wir uns von den Inseln entfernten, desto kleiner wurde Ha’apai hinter uns, bis es schließlich am Horizont verschwand. Auch unterwegs begegneten wir immer wieder Walen. Ein besonders spektakulärer Moment war, als plötzlich mehrere Wale genau zwischen unserem Boot und dem Schweizer Boot aus dem Wasser sprangen. Es war wieder einer dieser Augenblicke, die uns daran erinnerten, wie besonders es ist, durch diese Gewässer zu segeln.

Unsere Route führte uns außerdem relativ nah an einem Inselvulkan vorbei, der bei seinem letzten Ausbruch auf Ha’apai große Schäden angerichtet hatte. Vom Wasser aus wirkte er beeindruckend groß, zum Glück aber vollkommen ruhig. Schließlich brach die erste Nacht unserer Überfahrt herein. Und am nächsten Morgen war mein Geburtstag.

Ein Geburtstag mitten im Pazifik

Als ich morgens aufstand und ins Cockpit kam, hatte Alex gerade seine Nachtwache beendet. Er gratulierte mir zum Geburtstag, und kurz darauf entdeckte ich auch schon meine erste Überraschung: Er hatte selbst einen leckeren Pfirsich-Hefekuchen gebacken. Mitten im Pazifik einen selbstgemachten Geburtstagskuchen zu bekommen, war schon etwas ganz Besonderes. Doch dann holte Alex auch noch die Ukulele heraus und spielte Happy Birthday für mich. Es war vielleicht nicht die beste Ukulele-Darbietung und auch nicht der schönste Gesang, den ich je gehört hatte, aber definitiv einer der süßesten. Wie sich herausstellte, hatte er jeden Morgen, wenn er vor mir aufgestanden war, heimlich und ganz leise die Akkorde geübt, damit ich nichts davon mitbekam. Dass er jeden Morgen still vor sich hin geübt hatte, ohne dass ich auch nur etwas ahnte, machte die ganze Überraschung noch viel schöner.

Später am Tag bekam ich noch ein selbstgemachtes Geschenk. Alex hatte aus Leinen ein kleines Körbchen geknüpft, in das ich beim nächsten Strandbesuch meine gesammelten Muscheln legen konnte, anstatt jedes Mal meine Taschen damit vollzustopfen. Es war eine ganz einfache Idee, aber gleichzeitig unglaublich süß und erstaunlich gut gemacht. Ich habe mich riesig darüber gefreut.

Zum Abendessen gab es dann noch eine leckere Suppe, die allerdings leider etwas zu salzig geraten war. Warum, sollten wir erst später herausfinden: Was wir beim Einkaufen im Supermarkt für Zucker gehalten hatten, war in Wirklichkeit Salz. Ups.

Kein Spinnaker für uns

Später am Tag beschlossen wir, unseren Spinnaker auszuprobieren. Da der Wind fast direkt von achtern kam, wäre er perfekt für das Downwind-Segeln gewesen und hätte unsere Überfahrt deutlich verkürzt. Wir begannen, ihn vorzubereiten, doch ausgerechnet als wir fast fertig waren, brach der Adapter unseres Spinnakerbaums. Damit war dieser Plan wohl erledigt. Kein Spinnaker für uns.

Da der Wind so weit von achtern kam, konnten wir außerdem nicht direkt auf Nadi zuhalten. Stattdessen mussten wir etwas höher am Wind segeln und einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Eine Weile blieb der Wind recht konstant, doch langsam wurde er schwächer. Unsere Geschwindigkeit nahm immer weiter ab, und damit wurde auch unser Vorankommen zunehmend zäher. Eigentlich hatten wir auf eine schnelle Überfahrt gehofft, sodass wir vielleicht noch am Freitag in Fiji einklarieren könnten. Dann hätten wir das ganze Wochenende Zeit gehabt, bevor Alex’ Eltern ankamen. Doch langsam wurde klar: Das würde wohl nichts werden.

Segeln unter Sternschnuppen

Als wir schließlich die Inselgruppe von Fiji erreichten, war es bereits Mittwoch, der 12. August, und trotzdem lag noch ein gutes Stück Strecke vor uns. Der Wind blieb frustrierend schwach, doch dafür sollten uns die Nächte für das langsame Vorankommen entschädigen.

Wir befanden uns genau zur Zeit des Maximums der Perseiden, eines der spektakulärsten Sternschnuppen-Ereignisse des Jahres. Jeden August durchquert die Erde die Staubspur des Kometen Swift-Tuttle. Wenn winzige Teilchen dieses Staubs mit hoher Geschwindigkeit in unsere Atmosphäre eintreten und verglühen, entstehen die Sternschnuppen, die wir am Nachthimmel sehen.

Und wir hätten uns kaum eine bessere Nacht dafür aussuchen können. Das Maximum der Perseiden fiel in diesem Jahr mit Neumond zusammen. Es gab also praktisch kein Mondlicht, das die schwächeren Meteore überstrahlte. Dazu waren wir Hunderte Meilen vom nächsten Land entfernt und damit weitgehend frei von Lichtverschmutzung. Über uns lag ein unglaublich dunkler, klarer Himmel.

Während unserer Nachtwachen schossen immer wieder Sternschnuppen über den Himmel. Manche waren nur kurze, feine Lichtstreifen, andere zogen überraschend lange Bahnen durch die Dunkelheit. Rund um uns war nichts als der endlose Ozean, und es fühlte sich an, als hätten wir einen Platz in der ersten Reihe bei einer der größten Shows der Natur. Es waren diese besonderen Momente, in denen man völlig vergisst, wie langsam man gerade unterwegs ist oder wie viele Meilen noch vor einem liegen. Wir konnten einfach dasitzen, nach oben schauen und beobachten, wie das Universum seine eigene Show veranstaltete.

Auf dieser Überfahrt gab es für uns noch eine weitere Premiere. Da wir mehrere Tage durch dasselbe Land segelten, konnten wir während meiner Nachtwache tatsächlich unser Starlink einschalten. Plötzlich konnte ich mitten im Pazifik aus dem Cockpit heraus telefonieren und Nachrichten an die andere Seite der Welt schicken.

Es fühlte sich beinahe surreal an: Über mir spannte sich ein uralter, vollkommen unberührter Nachthimmel voller Sternschnuppen, während ich in meiner Hand ein Handy hielt, das mit der anderen Seite der Welt verbunden war. Und so segelten wir weiter durch die Nacht und arbeiteten uns langsam nach Fiji vor. Der Wind war schwach und unser Vorankommen langsam, aber mit den Perseiden über uns störte uns das plötzlich gar nicht mehr so sehr.

Die Ruhe vor dem Sturm

Am Samstag kamen wir Nadi endlich näher. Ich hatte gerade Wache, als der Wind plötzlich komplett einschlief. Wir lagen praktisch in einer Flaute und bewegten uns kaum noch vorwärts. Dann begann ganz plötzlich eine starke Dünung von vorne auf uns zuzurollen. Ein leichter Regen setzte ein, und innerhalb weniger Minuten war der Wind auf über 25 Knoten aufgefrischt.

Alles veränderte sich unglaublich schnell. Die Wellen spritzten bereits über das Deck, also rief ich Alex aus seiner Koje, damit wir die Segel reffen konnten. Wir zogen beide unsere Rettungswesten an und clippten uns mit unseren Sicherungsleinen ein. Zuerst rollten wir die Genua vollständig ein. Danach ging Alex nach vorne, um das Großsegel zu reffen, während ich versuchte, Tauha möglichst gegen den Wind zu halten. Die Wellen waren inzwischen etwa 1,5 bis 2 Meter hoch. Das eigentlich Schwierige war jedoch, wie steil und dicht aufeinanderfolgend sie waren. Etwa jede Sekunde traf die nächste Welle auf uns, sodass Tauha ständig hin und her geworfen wurde.

Alex musste unter diesen Bedingungen ganz vorne am Bug arbeiten, während ich versuchte, das Boot so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten, um ihm seine Arbeit dort draußen so leicht wie möglich zu machen.

Nachdem er das Großsegel gerefft hatte, konnten wir wieder direkten Kurs auf Nadi nehmen. Der Wind kam weiterhin von achtern, und obwohl nur noch etwa ein Drittel des Großsegels gesetzt war, begann Tauha, die Wellen hinunterzusurfen. Zeitweise erreichten wir dabei fast 12 Knoten, während wir durch die Riffgebiete navigierten. Es regnete, die See war rau und die gesamte Situation ziemlich ungemütlich. Gleichzeitig waren wir aber einfach froh, dass der Wind endlich zurückgekehrt war. Denn jetzt hatten wir zumindest wieder eine Chance, Fiji noch vor der Ankunft von Alex’ Eltern zu erreichen.

Ein seltsames Licht am Himmel

Während der letzten Nachtwache hatte der Wind etwas nachgelassen, obwohl er immer noch kräftig wehte. Wir saßen draußen im Cockpit und unterhielten uns, als plötzlich der gesamte Himmel aufleuchtete. Es war unglaublich hell, aber es war kein Blitz.

Bis heute sind wir uns nicht ganz sicher, was wir damals gesehen haben. Unsere beste Vermutung ist, dass etwas in der Atmosphäre verglüht ist. Was auch immer es gewesen sein mag, der Moment, in dem plötzlich der gesamte Himmel aufleuchtete, war ziemlich unheimlich.

Es war einer dieser seltsamen Momente auf See, an die man sich noch lange erinnert. Gerade weil man bis heute nicht wirklich weiß, was man eigentlich gesehen hat.

Endlich in Fiji

Gegen Mittag erreichten wir am nächsten Tag endlich die Passage durch das Riff. Es wurde auch langsam Zeit. Die letzten beiden Tage waren für mich besonders anstrengend gewesen. Durch die starken Wellen, die Tauha beim Segeln vor dem Wind im Sekundentakt von einer Seite auf die andere warfen, hatte ich kaum etwas essen können. Es war eine wirklich, wirklich harte Überfahrt gewesen.

Als wir nach sechs vollen Tagen auf See in die Passage einliefen, kam uns zum ersten Mal ein großer Containerschiff entgegen. Es war unglaublich zu sehen, wie riesig diese Schiffe tatsächlich sind, wenn man selbst auf einem kleinen Segelboot direkt neben ihnen sitzt. Zum ersten Mal konnten wir nun auch die Inseln von Fiji richtig sehen. Obwohl es immer noch regnete, wirkte die Landschaft vom Wasser aus überraschend trocken. Fast ein bisschen wie Colorado im Sommer.

Wir segelten weiter bis zu unserem Ankerplatz. Als wir dort ankamen, ging gerade die Sonne unter. Wir hatten es geschafft. Wir ließen den Anker fallen und konnten endlich ein wenig durchatmen. Bevor wir ins Bett gingen, schalteten wir noch kurz Starlink ein, um unsere Nachrichten abzurufen. Dabei entdeckten wir eine Nachricht von Alex’ Eltern: Sie hatten ihren Flug nicht bekommen. Es hatte Probleme mit ihren Dokumenten gegeben, und sie mussten nun erst am nächsten Tag den nächsten Flug nehmen.

Natürlich war das zunächst keine gute Nachricht, schließlich würden sie ohnehin nur für kurze Zeit bei uns sein. Gleichzeitig nahm es aber auch etwas Druck von uns. Wir mussten uns nun nicht mehr ganz so viele Gedanken darüber machen, wie lange unser Einklarieren am nächsten Tag dauern würde.

Gestrandet in Fiji

Am nächsten Morgen regnete es immer noch in Strömen. Wir machten Tauha sauber und versuchten gleichzeitig, die Zollbehörde zu erreichen. Schließlich gelang es uns, jemanden zu erreichen, und wir bekamen einen Termin für 11 Uhr. Allerdings gab es ein Problem: Die einzige Mooring-Boje, die normalerweise von Booten zum Einklarieren benutzt wurde, war angeblich bereits belegt. Die Beamten baten uns deshalb, mit unserem Dinghy in den Hafen zu fahren und sie abzuholen. Sie kannten unser Dinghy offensichtlich noch nicht. Sagen wir einfach, es war eine extrem lange und extrem nasse Dinghy-Fahrt. Als Alex schließlich zusammen mit dem Gesundheitsinspektor auf Tauha ankam, waren beide völlig durchnässt. Dann stellte sich heraus, dass die Mooring-Boje überhaupt nicht belegt war. Also rief Alex noch einmal an und fragte, ob wir sie doch benutzen könnten. Wir bekamen die Erlaubnis und machten uns bereit, mit dem Gesundheitsinspektor an Bord in den Hafen zu fahren. Eigentlich hätte jetzt alles ganz einfach sein sollen. Tja … war es natürlich nicht.

Plötzlich wurden unsere Navigationskarten nicht mehr angezeigt. Wir dachten uns: Der Hafen ist ganz in der Nähe, und wir wollen die Leute nicht noch länger warten lassen. Wir wissen schließlich, wo der Hafen ist. Wir fahren einfach rein. Im Nachhinein war das eine unserer ziemlich dummen Entscheidungen. Anstatt zurück zum Anfang der Passage zu fahren, verließen wir unseren Ankerplatz und versuchten, direkt zur Fahrrinne in den Hafen zu gelangen. Es war Niedrigwasser. Plötzlich spürten wir Druck unter dem Boot und Tauha wurde langsamer. Ich schaltete sofort den Motor in den Leerlauf. Wir hatten den Grund berührt. Zum Glück war der Boden hier sehr schlammig, sodass kein ernsthafter Schaden entstanden war. Wenn überhaupt, hatte der Schlamm wahrscheinlich sogar den Rumpf ein wenig sauber gemacht. Trotzdem mussten wir dort wieder weg, denn im Hafen warteten bereits die anderen Beamten auf uns. Und wieder führte uns der Druck, dass andere auf uns warteten, zu einer Entscheidung, über die wir nicht richtig nachgedacht hatten.

Ich versuchte, uns durch Vor- und Rückwärtsfahren aus dem Schlamm zu befreien, ohne dabei wirklich an unser Dinghy zu denken, das hinter uns an der Schleppleine hing. Plötzlich hörten wir ein ohrenbetäubendes: BANG! Der Motor ging aus. Die Schleppleine des Dinghys hatte sich um den Propeller gewickelt, den Motor abgewürgt und dabei einen Teil der Teakverkleidung am Heck des Bootes abgerissen. Scheiße. Nun saßen wir bei strömendem Regen im schlammigen Wasser, mit anderen Booten in Lee, einem Gesundheitsinspektor noch immer an Bord und einem Motor, den wir nicht starten konnten. Die Situation war ziemlich chaotisch.

Alex zog seine Schnorchelausrüstung an, schnappte sich ein Messer und stieg ins Wasser. Er musste unter Tauha tauchen und die Leine vom Propeller schneiden. Währenddessen musste ich dafür sorgen, dass wir nicht auf die anderen Boote zutrieben. Natürlich begannen wir ziemlich schnell abzudriften. Also warf ich Anker aus, um Tauha zumindest einigermaßen auf Position zu halten. Und das alles geschah, während der Gesundheitsinspektor noch immer an Bord saß. Es war ehrlich gesagt ein komplettes Chaos.

Schließlich gelang es Alex, die Leine zu befreien, und wir konnten den Motor wieder starten. Diesmal fuhren wir den gesamten Weg zurück zum Anfang der Passage und liefen den Hafen auf dem richtigen Weg an. Irgendwann erreichten wir schließlich die Mooring-Boje, die übrigens komplett aus Metall bestand. Wer baut bitte eine Mooring-Boje aus Metall? Endlich konnten auch die anderen Zollbeamten an Bord kommen und wir konnten die Einklarierung abschließen. Verständlicherweise waren sie ein wenig verärgert, weil sie so lange auf uns gewartet hatten, obwohl das gesamte Abenteuer wahrscheinlich gerade einmal 15 Minuten gedauert hatte. Die Organisation von Hafenseite hatte es uns allerdings auch nicht gerade leicht gemacht. Man kann schließlich nicht von jedem ankommenden Segelboot erwarten, dass es ein superschnelles Dinghy besitzt und genau weiß, wie der örtliche Hafen funktioniert. Trotzdem waren zwei der Beamten wirklich nett und machten sogar ein paar Witze mit uns. Nur eie Zollbeamte war besonders schlecht gelaunt. Sie war unhöflich, stellte einige unangemessene Fragen und gab uns die Schuld für Dinge, die eigentlich überhaupt nicht in unserer Hand gelegen hatten. Aber egal. Einen von dieser Sorte gibt es wohl immer. Das Wichtigste war: Wir waren endlich in Fiji einklariert.

Als wir wieder an unserem Ankerplatz ankamen, war es bereits später Nachmittag und wir waren für diesen Tag völlig erledigt. Wir ankerten und räumten noch ein wenig auf, aber für die Wäsche war es inzwischen zu spät. Außerdem regnete es immer noch, also beschlossen wir, das auf den nächsten Tag zu verschieben. Die ganze Erfahrung hatte uns eine sehr wichtige Lektion beigebracht: Man sollte sich beim Bootfahren niemals von anderen unter Druck setzen lassen. Wir hatten uns gestresst gefühlt, weil die Beamten auf uns warteten. Dieser Druck führte dazu, dass wir uns beeilten und genau dieses Hetzen führte direkt zu einer ganzen Reihe unnötiger Fehler. Zum Glück war nichts Ernsthaftes passiert. Wir waren mit einem gehörigen Schrecken davongekommen. Aber es hätte auch ganz anders ausgehen können. Deshalb werden wir uns diese Lektion definitiv merken: Auf einem Boot ist es immer besser, ein paar Minuten länger zu brauchen und etwas in Ruhe richtig zu machen, als sich zu beeilen, nur weil jemand anderes wartet.

Endlich kommen Alex’ Eltern an

Am nächsten Tag schafften es Alex’ Eltern endlich nach Fiji. Allerdings wartete auch auf sie am Flughafen erst einmal ein kleines Abenteuer. Der Zoll hielt sie wegen der vielen Taschen voller Bootsausrüstung an, die sie für uns mitgebracht hatten. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit, und wir mussten ihnen Unterlagen über unser Boot schicken, um nachzuweisen, dass sich in den Taschen keine Waren im Wert von mehr als 2.000 Dollar befanden. Schließlich ließ der Zoll sie passieren. Gott sei Dank. Wir fuhren mit dem Dinghy an Land und fanden sie gerade, als sie aus einem Taxi stiegen. Und mit ihnen kamen all unsere neuen Ersatzteile und Ausrüstung fürs Boot. Juhu!

Wir hatten uns riesig darauf gefreut, sie endlich zu sehen. Wir frühstückten gemeinsam, tauschten uns über die letzten Tage aus, besorgten eine Cruising Permit mit ihren Namen, eine Voraussetzung für das Segeln in Fiji, und machten Wäsche. Dann begann die große Transportaktion. Ich brachte zunächst alle Taschen in einer Fahrt zum Boot, damit wir beim zweiten Mal alle vier gemeinsam ins Dinghy passten und endlich zusammen zu Tauha hinausfahren konnten.

An diesem Tag würden wir definitiv nicht mehr segeln. Bei all den Koffern und der neuen Bootsausrüstung, die überall herumlag, wäre daran überhaupt nicht zu denken gewesen. Stattdessen packten wir alles aus und suchten für jedes neue Teil einen geeigneten Platz an Bord. Alex’ Eltern konnten endlich ihre Kleidung auspacken, und wir brachten Tauha langsam wieder in einen Zustand, in dem man sich an Bord tatsächlich bewegen konnte. Die Sonne schien, und es war ein wunderschöner Tag. Wir hatten noch keine Ahnung, wie kostbar dieses kleine bisschen Sonnenschein noch werden würde.

Fast ein Fisch … und dann doch ein Fisch!

Am nächsten Tag war der Himmel wieder bewölkt. Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg zu einer der Inseln auf der Westseite der Hauptinsel von Fiji. Zunächst war es eine richtig schöne Segelfahrt, zumindest bis der Wind wieder einmal komplett verschwand. Also trieben wir eine Weile einfach auf dem Wasser, unterhielten uns und warteten darauf, dass der Wind zurückkam. Am Nachmittag war es schließlich so weit: Der Wind frischte wieder auf und wir konnten unsere Fahrt fortsetzen. Der Himmel blieb den größten Teil des Tages bewölkt, aber hin und wieder schaffte es die Sonne, durch die Wolken zu brechen. Das war jedes Mal eine willkommene Abwechslung. Irgendwann stellten wir fest, dass wir die Insel, die wir ursprünglich ansteuern wollten, vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr erreichen würden. Also änderten wir unsere Pläne und beschlossen, stattdessen vor einer anderen Insel zu ankern.

Auf dem Weg dorthin beschloss Alex, sein Glück beim Fischen zu versuchen. Plötzlich hatte er einen Biss. Und was für einen! Alex kämpfte mit dem Fisch und holte ihn langsam näher an das Boot. Wir waren alle gespannt darauf zu sehen, was er da an Land ziehen würde. Doch kurz bevor er den Fisch an Bord holen konnte, riss er sich vom Haken los. Alex war ziemlich enttäuscht und mit ihm die gesamte Crew. Doch etwas später biss erneut ein Fisch an. Dieser war zwar nicht ganz so groß wie der erste, aber immer noch ordentlich. Alex begann wieder mit dem Drill und diesmal schaffte er es tatsächlich, den Fisch bis ans Boot zu bringen. Und da war er: wieder ein Bonito. Und es war sogar der größte, den Alex bisher gefangen hatte. Das war ein ziemlich gutes Gefühl. Frischer Fisch zum Abendessen!

Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir unseren Ankerplatz. Die Wellen waren allerdings stärker als gehofft, und das Riff schützte uns nicht ganz so gut, wie wir erwartet hatten. Es würde also eine etwas schaukelige Nacht werden.

Aber immerhin bekamen Alex’ Eltern so gleich die volle Segelerfahrung.

Zu Besuch beim Chief

Am nächsten Tag gingen wir an Land. Wenn man hier auf einer Insel ankommt, bringt man dem Chief traditionell Kava mit und nimmt an einer kleinen Begrüßungszeremonie teil. Wir saßen im privaten Haus des Chiefs, umgeben von seiner Familie, während die Zeremonie mit Gesängen und Klatschen durchgeführt wurde. Es war eine wirklich besondere Erfahrung. Dann erfuhren wir noch etwas, das wir vorher nicht gewusst hatten: Es war genau dieser Chief, der bereits eine Zeremonie für Tom Hanks abgehalten hatte, als dieser auf der benachbarten Insel war, um Cast Away zu drehen. Eine ziemlich lustige Verbindung, die wir ausgerechnet dort in seinem Wohnzimmer entdeckten.

Nach der Zeremonie konnten wir die Insel auf eigene Faust erkunden. Eine Gruppe einheimischer Kinder nahm uns unter ihre Fittiche und zeigte uns ihre Schule, die Kirche, das Dorf, den Strand und die Schweine. Eigentlich zeigten sie uns einfach alles, was für sie zu ihrem Zuhause gehörte.

Wir wollten noch den Hügel hinaufgehen. Die Kinder waren zwar nicht gerade begeistert von der Idee, bergauf zu laufen, kamen aber trotzdem mit. Sie kletterten sogar auf einen Baum, um uns eine Kokosnuss zu holen. Wir konnten das frische Kokoswasser trinken und anschließend das Fruchtfleisch essen. Es war eine wunderschöne Erfahrung.

In diesem Dorf lebten mehr Menschen, als wir erwartet hatten. Der Tourismus schien eine der wichtigsten Einnahmequellen der Gemeinde zu sein. Die Schweine sahen nicht besonders gesund aus, und an verschiedenen Stellen der Insel lag einiges an Müll herum. Trotzdem war die Insel selbst wunderschön. Am besten gefiel uns aber, einfach mit den Menschen zu reden, mit den Erwachsenen genauso wie mit den Kindern, und einen kleinen Einblick in ihren Alltag zu bekommen.

Wir beobachteten die Menschen beim Fischen, gingen durch das Dorf, unterhielten uns mit den Kindern und sahen die Orte, die für sie wichtig waren. Am Nachmittag kehrten wir zu Tauha zurück, spielten noch eine Runde und genossen den restlichen Tag.

Durch den Regen zurück

Am nächsten Tag war es bereits wieder Zeit für die Rückfahrt. Wieder hatten wir Regen und Wind und diesmal segelten wir direkt gegen den Wind.

Zunächst war die See ziemlich unruhig, doch je näher wir unserem Ziel kamen, desto ruhiger wurde sie. Irgendwann verschwand der Wind mitten in der Nacht schließlich komplett. Wir hatten es nicht mehr vor Sonnenuntergang zurückgeschafft und mussten deshalb im Dunkeln ankern.

Der letzte gemeinsame Tag war bereits angebrochen, und es war Zeit, Abschied zu nehmen. Wir verbrachten den Tag noch zusammen und gingen in ein fijianisches Restaurant, bevor Alex’ Eltern ihre Rückreise antreten mussten.

Ihr Besuch war kurz gewesen, aber dafür voller Erlebnisse. Wir waren gemeinsam gesegelt, hatten eine Insel erkundet, den Chief getroffen, uns von den Kindern ihr Zuhause zeigen lassen, einen Bonito gefangen und wahrscheinlich mehr Regen erlebt, als irgendjemand von uns gebraucht hätte. Schließlich war es Zeit für den Abschied. Wir winkten ihnen hinterher und sahen zu, wie sie ihre Reise nach Hause antraten. Aber bevor wir uns verabschiedeten, durften wir noch einen völlig unerwarteten Luxus genießen: eine heiße Dusche im Hafen. Eine richtige, warme, lange Dusche. Es war die erste richtige Dusche, die wir seit Beginn unseres Segelabenteuers hatten, also seit fast drei Monaten. Nach so langer Zeit auf Tauha, ständig umgeben von Salzwasser, Regen und nur begrenzten Mengen an Süßwasser, fühlte sich eine heiße Dusche absolut unglaublich an.

Was für ein Luxus. Es ist schon verrückt, wie etwas, das man normalerweise völlig selbstverständlich nimmt, plötzlich wie das Größte auf der Welt wirken kann.

Tauha bleibt in Fiji

Nachdem wir uns von Alex’ Eltern verabschiedet hatten, ging es zurück zu unserem Boot. Nun bereiteten wir uns darauf vor, Tauha für eine Weile hier in Fiji zurückzulassen.

Unser Segelabenteuer ist noch lange nicht vorbei, aber für den Moment legen wir eine kleine Pause ein. Wir fliegen zurück nach Deutschland, um die Hochzeit meines Bruders zu feiern. Es fühlt sich seltsam an, das Boot zurückzulassen, vor allem nach allem, was seit Beginn dieser Reise passiert ist. Wir sind Tausende von Meilen gesegelt, haben abgelegene Inseln erkundet, Schulen besucht, Wale gesehen, den Pazifik überquert, Sternschnuppen beobachtet, uns mit kaputter Ausrüstung herumgeschlagen, stürmisches Wetter durchgestanden, Fische gefangen, unglaubliche Menschen kennengelernt, jede Menge Fehler gemacht und uns irgendwie trotzdem immer weiter vorwärts bewegt. Jetzt ist es Zeit, für zwei Wochen einen Schritt zurückzutreten. Tauha wird hier in Fiji bleiben. Wir fliegen nach Deutschland, feiern die Hochzeit meines Bruders und gönnen uns eine kurze Pause vom Leben auf See. Aber schon bald werden wir wieder auf Tauha sein und unser Abenteuer fortsetzen. Für den Moment lassen wir sie hier in Fiji zurück.

Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Pazifik noch ein paar Abenteuer für uns bereithält, wenn wir zurückkommen.

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