Tonga - Ha'apai
Eine Unterwasserwelt voller Wunder
Nach unserer wunderschönen Zeit in Vavaʻu war es endlich Zeit, nach Süden in Richtung Haʻapai aufzubrechen. Die Überfahrt ging viel schneller als erwartet. Wir hatten einen perfekten Halbwindkurs mit konstanten 20 Knoten Wind, und Tauha machte richtig gute Fahrt. Zu Beginn konnten wir noch Wale sehen, die um uns herum aus dem Wasser sprangen, teilweise erstaunlich nah am Boot. Doch als die Sonne unterging, verschwanden auch die Wale, und schon bald waren wir von nichts als Dunkelheit umgeben.
Alex segelte den größten Teil der Strecke, da ich mich nicht besonders gut fühlte. Sobald wir im Schutz der Inseln waren und die Wellen ruhiger wurden, wechselten wir uns ab. Als wir uns gegen 3 Uhr morgens der Ankerbucht näherten, holten wir das Großsegel ein und rollten die Genua ein. Wir waren fast da. Dann starteten wir den Motor. Und wieder ein Mal kam kein Wasser aus dem Auspuff. Dieses Problem war nach früheren Überfahrten bereits ein paar Mal aufgetreten, deshalb wurden wir sofort nervös. Nach nicht einmal drei Minuten überhitzte der Motor und wir schalteten ihn aus, nur noch wenige Minuten von der Ankerbucht entfernt. Wir versuchten, den Motor noch einmal zu starten, aber wieder passierte dasselbe. Also schalteten wir ihn erneut ab. Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns mitten in der Riffpassage, nicht gerade der Ort, an dem man ohne Motor herumtreiben möchte. Alex ging nach unten, um das Impellergehäuse zu überprüfen. Der Impeller sah völlig in Ordnung aus. Als er jedoch die Ansaugleitung kontrollierte, stellte er fest, dass sie komplett trocken war. Es kam kein Wasser durch. Endlich verstanden wir, was passierte. Während der längeren Überfahrten lief die Ansaugleitung offenbar leer. Sobald das passiert war, konnte der Impeller beim erneuten Starten nicht genug Unterdruck aufbauen, um wieder Wasser anzusaugen. Während Alex unten arbeitete, behielt ich die Seekarte und die Lichter um uns herum genau im Auge. Viel Zeit blieb uns nicht. „Alex, noch zwei Minuten!“ Dann: „Eine Minute!“ Dann: „Dreißig Sekunden!“ Uns ging langsam der Platz zum Riff aus. Es war einfach nicht genug Zeit, um herauszufinden, wie wir die trockene Leitung wieder mit Wasser füllen konnten. Also startete ich den Motor erneut. Und zum Glück begann, genau wie bei den vorherigen Malen, plötzlich wieder Wasser aus dem Auspuff zu strömen. Endlich wussten wir, was das Problem verursachte und vor allem wussten wir jetzt, worauf wir nach längeren Überfahrten achten mussten. Für den Moment waren wir jedoch einfach nur erleichtert, dass der Motor wieder lief. Wir motorten die letzten paar hundert Meter in die Ankerbucht, ließen den Anker fallen und kletterten schließlich gegen 3:30 Uhr morgens ins Bett. Aber viel Schlaf sollte es nicht geben.
Wir waren an einem Freitag angekommen und wollten eigentlich noch an diesem Wochenende weiter nach Süden zu den Southern Islands, die auch als Lobster Islands bekannt sind. Wir hatten gelesen, dass man für die Abfertigung am Samstag der Zollbeamtin eine Nachricht schicken und einen Termin vereinbaren konnte. Also bestand unsere letzte Aufgabe um 3:30 Uhr morgens, bevor wir endlich schlafen gingen, darin, ihr eine E-Mail zu schreiben und um einen Termin irgendwann nach 10 Uhr zu bitten. Um 9 Uhr quälten wir uns wieder aus dem Bett. Alex schaute auf sein Handy, während ich noch versuchte, meine Augen überhaupt richtig zu öffnen. Sie hatte geantwortet. Um 4 Uhr morgens. Und sie hatte uns einen Termin für 9 Uhr angeboten. Tja … dieser Termin war inzwischen vorbei. Wir schrieben ihr sofort zurück, entschuldigten uns dafür, dass wir ihre Nachricht nicht gesehen hatten, und sagten, dass wir so schnell wie möglich kommen würden – wahrscheinlich gegen 10 Uhr. Also warfen wir das Dinghy ins Wasser und machten uns auf den Weg an Land, beide noch ziemlich verschlafen.
Auf dem Weg zum Zollamt hörte ich plötzlich jemanden meinen Namen rufen. Überrascht drehte ich mich um und sah einen anderen Segler auf uns zukommen. Einen sehr netten Schweizer namens Roger, den wir zuvor schon kennengelernt hatten. Er und seine Frau waren nur wenige Stunden vor uns angekommen und hatten ebenfalls versucht, sich an zu melden. Leider hatte er niemanden gefunden, und es schien, als wäre das Zollamt für das Wochenende bereits geschlossen. Er hatte die Zollbeamtin allerdings vorher nicht kontaktiert. Also luden wir ihn ein, einfach mit uns mitzukommen und es noch einmal zu versuchen. Und genau in dem Moment, als wir das Haus erreichten, fuhr ein Auto vor. Perfektes Timing. Es war die Zollbeamtin. Alles lief problemlos. Als wir die Gebühr bezahlen wollten hatte die Beamtin allerdings kein Wechselgeld. Roger war unglaublich hilfsbereit und bezahlte die Gebühr kurzerhand für uns. Was für eine nette Geste!
Auf dem Rückweg holten wir uns noch ein Eis und wechselten dabei auch gleich das Geld, bevor wir zurück zu Tauha fuhren. Und obwohl Roger darauf bestand, dass es wirklich nicht nötig sei, gaben wir ihm das Geld natürlich zurück. Wir kannten ihn gerade erst und schon half er uns aus.
Danach machten wir uns endlich auf den Weg nach Süden zu den Lobster Islands. Die Fahrt war wunderschön und entspannt, und unterwegs begegneten wir wieder ein paar Walen. Als wir schließlich den Anker fallen ließen, verstanden wir sofort, warum uns alle von diesen Inseln erzählt hatten. Die Lobster Islands sind unbewohnt - sandigen Stränden von türkisfarbenem Wasser umgeben. Alles fühlte sich wunderbar unberührt an.
Am Abend gingen wir an Land, um den Sonnenuntergang zu beobachten. In der Ferne erhob sich ein Vulkan über dem Horizont. Es war der 1. August und damit war es auch Zeit, den nächsten Brief zu öffnen, den unsere Familien uns vor unserer Abreise mitgegeben hatten. Einen für jeden Monat unserer Reise. Also saßen wir dort barfuß im Sand, sahen der Sonne beim Untergehen zu und lasen eine kleine Nachricht von zu Hause. Wir saßen an einem menschenleeren Strand, umgeben von nichts als Meer. Es war schwer, sich einen besseren Ort vorzustellen, um einen Brief von zu Hause zu öffnen.








Am nächsten Tag gingen wir schnorcheln. Das Wasser war allerdings ziemlich kalt, offenbar eine der Auswirkungen des besonders starken El Niño in diesem Jahr und zudem war die Strömung ziemlich kräftig. Trotzdem waren die Korallen und Fische wunderschön. Wir erkundeten den "Drop-off" in dem das Riff plötzlich in der Tiefe des Meeres verschwindet und schwammen ebenfalls über kleine Unterwasserschluchten, umgeben von Schwärmen kleiner Fische. Sie schienen sich überhaupt nicht von uns stören zu lassen und bewegten sich kaum, während wir an ihnen vorbeischwammen. Irgendwann waren wir allerdings einfach zu durchgefroren und kletterten wieder zurück aufs Boot.
Inzwischen waren weitere Boote in der Ankerbucht angekommen. Darunter waren die Ferox mit den deutschen Seglern Anja und Peter an Bord und die Acer, auf der das kanadische Paar Maggy und Evan unterwegs war. Am Abend luden sie uns auf einen Sundowner ein. Wir saßen am Heck ihres wunderschönen Bootes, beobachteten, wie die Sonne langsam am Horizont verschwand, und unterhielten uns, während wir uns besser kennenlernten. Es war einer dieser spontanen Abende, die eigentlich ganz unspektakulär beginnen und dann irgendwie zu Erinnerungen werden, von denen man weiß, dass man sie behalten wird.
In den nächsten Tagen verbrachten wir unsere Vormittage mit verschiedenen Bootsprojekten und die Nachmittage damit, die Insel zu erkunden. Eines unserer Ziele war ganz einfach: einmal komplett um die Insel herumzulaufen. Und es war spektakulär. Wir liefen an nahezu unberührten Stränden entlang, übersät mit unzähligen wunderschönen Muscheln, Krabben und Seesternen. Am Ende der Insel angekommen setzten wir uns und schauten den Wellen zu, wie sie langsam an den Strand rollten. Als wir uns schließlich wieder auf den Weg zurück zur Ankerbucht machten, hatten die anderen Segler bereits ein Lagerfeuer am Strand angezündet. Und es waren längst nicht mehr nur die Crews von Acer und Ferox. Alle Boote in der Ankerbucht hatten sich dem kleinen miteinander angeschlossen. Es gab ein Lagerfeuer, Getränke, jede Menge Lachen und unzählige Geschichten. Einfach ein rundum wunderschöner Abend.
Die Wettervorhersage zeigte, dass der nächste Tag wahrscheinlich unser letzter mit gutem Wetter und moderaten Winden sein würde. Wir wollten unbedingt noch mit den Walen schwimmen. Also hatten wir für den nächsten Morgen eine Tour gebucht und beschlossen, am Abend noch zur nächsten Insel weiterzusegeln. Das einzige Problem: Das Lagerfeuer brannte noch und wir hatten viel zu viel Spaß, um schon zu gehen.
Unsere Abfahrt verzögerte sich also etwas mehr als geplant. Irgendwann wurde das Feuer schließlich gelöscht, wir verabschiedeten uns von allen und machten uns auf den Weg zurück zu Tauha, um die Segel zu setzen.
Gegen Mitternacht ließen wir den Anker fallen, bekamen noch ein paar sehr kurze Stunden Schlaf und saßen am nächsten Morgen um 7:30 Uhr schon wieder im Dinghy. Wir würden mit Walen schwimmen! Und wir waren ziemlich aufgeregt. Vor Ort bekamen wir kurze Neoprenanzüge. Ich war froh, überhaupt einen zu haben, wusste aber gleichzeitig, dass er wahrscheinlich nicht lange genug warmhalten würde. Hoffentlich würde das Adrenalin den Rest erledigen. Wir stiegen zusammen mit einem anderen neuseeländischen Seglerpaar und deren Eltern auf ein wunderschönes kleines Boot und fuhren hinaus aufs offene Meer.


Wir sahen mehrere Wale, die um uns herum schwammen und immer wieder aus dem Wasser sprangen, doch die meisten tauchten nur einmal auf, bevor sie wieder in den Tiefen verschwanden. Es dauerte eine Weile, bis wir schließlich Wale fanden, die entspannt genug waren, um uns in ihre Nähe zu lassen. Unsere beiden Guides waren fantastisch und erklärten uns während der Suche viel über das Verhalten der Wale. Wir erfuhren, dass die Buckelwale während der Paarungszeit nach Tonga kommen und während ihres Aufenthalts hier erstaunlicherweise nicht fressen. Die ungewöhnlich kalten Bedingungen in diesem Jahr hatten außerdem dazu geführt, dass bisher relativ wenig Walaktivität gemeldet worden war.
Irgendwann entdeckten wir zwei große Buckelwale, die in einem Riffgebiet ruhten - ein Männchen und ein Weibchen. Sie hielten sich in nur wenigen Metern Wassertiefe auf, sodass wir tatsächlich ins Wasser gehen und sie beim Ruhen beobachten konnten. Bevor wir ins Wasser sprangen, erklärten uns unsere Guides, wie wir uns verhalten sollten. Wir mussten ruhig bleiben, als Gruppe zusammenbleiben und mindestens fünf Meter Abstand zu den Walen halten. Und dann glitten wir ins Wasser. Die Wale schliefen. Alle 15 bis 20 Minuten tauchten sie langsam zur Oberfläche auf, um Luft zu holen, bevor sie wieder unter uns hinabsanken. Wir trieben einfach in ihrer Nähe und beobachteten diese riesigen Tiere dabei, wie sie friedlich unter uns ruhten. Dann begannen sie sich plötzlich zu bewegen. Ihre gewaltigen Körper glitten nahezu lautlos durch das Wasser. Das Männchen kam überraschend nah auf uns zu, und ich wich instinktiv ein Stück zurück. Es fühlte sich fast so an, als wollte es uns deutlich machen: Das hier ist meine Lady und ihr seid nur Gäste in unserem Zuhause.
Langsam schwammen die beiden an uns vorbei, und für einen Moment konnten wir tatsächlich neben ihnen herschwimmen. Wir waren nah genug, um jedes Detail zu erkennen - ihre Augen, die von Seepocken bedeckten Körper und die wunderschönen Muster auf ihren riesigen Schwanzflossen. Jede Schwanzflosse hat ein einzigartiges Muster, fast wie ein Fingerabdruck. Genau daran können Forscher einzelne Wale voneinander unterscheiden und über Jahre hinweg wiedererkennen. Nach einer kurzen Schwimmrunde legten sich die beiden wieder hin und kehrten in ihre ruhige Schlafposition zurück. Unsere Guides erklärten uns, dass Buckelwale wie viele andere Meeressäuger während des Schlafens jeweils nur eine Hälfte ihres Gehirns ruhen lassen können, während die andere Hälfte aktiv bleibt. So können sie auch im Schlaf ihre Umgebung wahrnehmen und regelmäßig zum Atmen auftauchen.
Und so wiederholte sich der Zyklus: schlafen, zum Atmen auftauchen, langsam ein Stück schwimmen und wieder zurück in die Ruhe. Wir bekamen zweimal die unglaubliche Gelegenheit, mit ihnen zu schwimmen. Zwei ruhige, fast surreal wirkende Begegnungen mit diesen gewaltigen Tieren in ihrer natürlichen Umgebung. Es war einfach magisch. Am Ende waren wir komplett durchgefroren und hatten nebenbei auch noch ein paar unangenehme Bekanntschaften mit Quallen gemacht. Aber es war uns völlig egal. Wir waren gerade mit Buckelwalen geschwommen.
Absolut magisch!




Später an diesem Tag gingen wir an Land zum Abendessen. Zusammen mit dem neuseeländischen Seglerpaar und deren Eltern sowie einem netten französischen Paar, mit dem wir uns gut unterhielten, aßen wir Seafood-Paella und Key Lime Pie. Es war der perfekte Abschluss für einen ohnehin schon unglaublichen Tag.
In den nächsten Tagen füllte sich die Ankerbucht langsam wieder, da immer mehr Boote Schutz vor den starken Ostwinden suchten. Auch unsere Freunde von Ferox und Acer kamen wieder, und wir verbrachten ein paar wirklich schöne Tage. Wir arbeiteten an verschiedenen Bootsprojekten, besuchten uns gegenseitig auf den Booten, machten Spaziergänge am Strand, tranken zusammen, übten Deutsch und verbrachten viele Stunden damit, einfach zusammenzusitzen und uns zu unterhalten – manchmal während wir nebenbei noch das Dinghy reparierten. Eigentlich genossen wir einfach nur die Zeit dort.
Draußen blies der starke Wind über die Inseln, aber in der geschützten Ankerbucht war davon kaum etwas zu spüren. Stattdessen waren wir umgeben von netten Menschen, guter Stimmung und dem Gefühl, gerade genau am richtigen Ort zu sein. An unserem letzten Abend, bevor wir am nächsten Tag zurück zur Hauptinsel segeln wollten, um noch einmal Vorräte aufzufüllen, die Schule zu besuchen und für die Weiterreise nach Fiji auszuklarieren, gingen wir alle noch einmal zum Whale Resort, um Kava zu probieren.
Kava ist ein traditionelles Getränk, das aus der Wurzel der Kava-Pflanze hergestellt wird und hier in Tonga sehr gerne gemeinsam getrunken wird. Natürlich wollten wir das auch einmal ausprobieren. Was kann ich sagen... es sieht aus wie Schlamm-Wasser und es schmeckt auch wie Schlamm-Wasser. Wir hatten einen großartigen Abend. Kava soll eine beruhigende Wirkung haben und hinterlässt ein etwas seltsames, kribbelndes Gefühl im Mund. Einen besonders starken Effekt spürten wir zwar nicht, aber darum ging es auch gar nicht. Es war einfach schön, den Abend noch einmal gemeinsam zu verbringen. Und dann war plötzlich die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen.
Heute sind wir durch die starken Winde zurück in Richtung Hauptinsel gesegelt, größtenteils nur unter unserer kleinen Fock. Morgen werden wir noch einen letzten Tag auf der Insel verbringen, um unsere Vorräte aufzufüllen und die letzten Dinge zu erledigen. Danach geht es weiter Richtung Fiji. Haʻapai war unglaublich. Abgelegene Inseln, menschenleere Strände, wunderschöne Korallenriffe, Lagerfeuer am Strand und vor allem das Schwimmen mit Walen, das wir nie vergessen werden. Und irgendwo auf dem Weg haben wir vielleicht auch ein paar neue Freundschaften geschlossen. Selbst wenn einige davon vielleicht nur für ein Kapitel unserer Reise bestehen bleiben, sind wir unglaublich dankbar für die tollen Menschen, die unvergesslichen Erlebnisse und die wunderschöne Zeit, die wir in Haʻapai hatten. Jetzt wartet Fiji auf uns.






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