Von Französisch-Polynesien zu den Cookinseln

Unsere Ozeanüberquerung nach Aitutaki

Es war Zeit, Französisch-Polynesien hinter uns zu lassen und zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Früh am Morgen lag die Bucht spiegelglatt vor uns, als wir den Anker lichteten, die Segel setzten und Kurs auf die Passdurchfahrt nahmen. Dabei mussten wir unweigerlich an die unzähligen polynesischen Seefahrer denken, die schon Jahrhunderte vor uns genau durch diese Öffnung hinaus in den weiten Pazifik gesegelt waren, nur von den Sternen geleitet. Wir glitten am legendären Motu der verstorbenen Häuptlinge vorbei, ließen die türkisfarbene Lagune hinter uns und richteten denTauhas Bug auf das endlose Blau des Ozeans. Unser Ziel: Aitutaki auf den Cookinseln, mehr als 500 Seemeilen entfernt.

Ein perfekter Start

Wie so oft begrüßte uns der Pazifik mit ein paar Wellen, aber nichts allzu Dramatisches. Wir umrundeten die Südspitze von Raiatea, nahmen Kurs auf Aitutaki und beobachteten, wie die Insel langsam hinter uns am Horizont verschwand.

Die ersten Stunden waren für mich allerdings noch nicht ganz so angenehm. Obwohl ich mir am Abend zuvor ein Scopoderm-Pflaster aufgeklebt hatte, machte sich die Seekrankheit zunächst trotzdem bemerkbar. Zum Glück ließ sie nach einigen Stunden nach, und zum ersten Mal auf der Tauha konnte ich eine längere Hochseepassage wirklich genießen.

Da der Wind fast direkt von hinten kam, beschlossen wir, etwas Neues auszuprobieren: den Spinnaker. Für alle, die mit dem Segeln nicht vertraut sind, ein Spinnaker ist ein riesiges, ballonförmiges Segel, das bei achterlichem Wind gesetzt wird. Wir rollten die Genua ein, befestigten die Schoten am Spinnaker und zogen das gewaltige Segel langsam nach oben. Der Moment in dem er sich Wind füllte, war das einfach magisch. Tauha beschleunigte und glitt scheinbar mühelos über den Ozean. Hinter uns wurde Raiatea immer kleiner, bis die Insel schließlich nur noch als schmale Silhouette am Horizont zu erkennen war.

Einen schöneren Start in unsere Ozeanetappe hätten wir uns kaum wünschen können.

Segeln durch die erste Nacht

Als die Sonne langsam unterging, beschlossen wir, den Spinnaker wieder einzuholen. So viel Segelfläche wollten wir über Nacht lieber nicht stehen lassen, falls der Wind unerwartet zunehmen sollte. Das Einholen stellte sich allerdings als deutlich schwieriger heraus als das Setzen. Keiner von uns hatte zuvor eine Spinnaker-Socke benutzt, eine lange Stoffhülle, die über den noch gesetzten Spinnaker gezogen wird, um ihn zu bändigen, bevor man ihn herunterholt. Was in der Theorie ganz einfach klang, entwickelte sich in der Praxis zu einem kleinen Kampf. Nach jeder Menge Leinengewirr, etwas Fluchen und einigem Herumprobieren war das Segel schließlich sicher verstaut. Man lernt eben mit jeder Seemeile dazu.

Auf einer Hochseepassage schläft das Boot nie. Rund um die Uhr muss immer jemand Wache halten. Deshalb teilten wir die Nacht in Vier-Stunden-Schichten auf, beginnend um 20 Uhr. Meine erste Nachtwache verlief herrlich ruhig. Das Mondlicht spiegelte sich auf den Wellen, der Sternenhimmel spannte sich von Horizont zu Horizont, und Tauha surfte sanft die Dünung hinunter. Während Alex' Wache wurde es etwas spannender. Vor uns tauchten zwei helle Lichter auf. Eine ganze Weile hielt Alex direkt auf sie zu und warteten darauf, dass sie auf unserem AIS erschienen, dem Automatic Identification System, mit dem Schiffe ihre Position, ihren Kurs und weitere Informationen an andere Schiffe übermitteln, um Kollisionen zu vermeiden. Nichts. Kein Signal. Keine Informationen. Ob es Fischerboote ohne eingeschaltetes AIS waren oder etwas ganz anderes, werden wir wohl nie erfahren. Anstatt weiter direkt auf die Lichter zuzuhalten, weckte er mich und wir entschieden uns vorsichtshalber für eine Halse und änderten unseren Kurs. Mittlerweile hatte der Wind deutlich zugenommen, sodass wir das Manöver gemeinsam durchführten. Im Licht des Mondes schwang der Baum kontrolliert auf die andere Seite, wir trimmten die Segel neu und setzten unseren Weg auf dem neuen Kurs fort.

Wenn Dinge kaputtgehen

Am nächsten Morgen lief die nächste Halse leider nicht ganz so reibungslos. Mit einem lauten Knall riss einer der Umlenkblöcke am Baum einfach heraus. Wie wir später feststellten, war er lediglich mit Schrauben im Baum befestigt und nicht durchgehend verschraubt. Durch die enorme Belastung wurde dabei auch noch ein Teil unseres Travellers beschädigt. Nicht gerade der Start in den Tag, den wir uns vorgestellt hatten.

Mit Werkzeug, etwas Improvisation und einer Portion Optimismus machten wir uns direkt an die Reparatur. Es gelang uns, den Traveller wieder so weit herzurichten und den Block provisorisch zu befestigen, dass wir die Überfahrt sicher fortsetzen konnten. Schön sah es zwar nicht aus, aber es funktionierte, zumindest bis zum nächsten Hafen. Doch damit waren unsere technischen Probleme noch längst nicht vorbei.

Schon nach der ersten Nacht bemerkten wir, dass unser Autopilot deutlich mehr Strom verbrauchte als erwartet und unsere Batterien über Nacht regelrecht leersaugte. Deshalb konnten wir ihn nachts nur noch eingeschränkt nutzen. Kurz darauf machte die Hydraulikpumpe Probleme. Ihr fehlte Hydrauliköl, sodass sie nicht mehr genügend Druck aufbauen konnte. Zum Glück hatten wir noch etwas Öl an Bord und konnten den Behälter nachfüllen. Kaum war dieses Problem gelöst, tauchte das nächste auf. Der Ruderlagesensor, also der Sensor, der dem Autopiloten mitteilt, in welcher Position sich das Ruder gerade befindet, begann immer häufiger auszufallen. Manchmal funktionierte er noch für kurze Zeit, meistens jedoch gar nicht mehr. Das bedeutete vor allem eines. Wir mussten fast die gesamte Überfahrt selber steuern. Nach sechs Tagen auf See, unzähligen Stunden am Steuer und jeder Menge Wellen wussten unsere Arme ganz genau was sie gemacht hatten.

Leben auf See

Trotz all der Herausforderungen entwickelte sich an Bord schnell ein eigener Rhythmus. Frische Pancakes am Sonntagmorgen. Kaffee, während wir fliegende Fische beobachteten, die über die Wellen glitten. Lesen. Kochen. Arbeiten am Boot. Und immer wieder Seevögel, die neugierig unsere Schleppangel inspizierten, in der Hoffnung auf einen leichten Fang.

An einem Nachmittag, weit entfernt von jeglichem Land, gönnten wir uns sogar eine Ozeandusche. Wir füllten unsere Campingdusche mit Frischwasser, hängten sie am Heck auf und duschten mitten im Südpazifik, während wir langsam durch die endlose Weite trieben. Es fühlte sich herrlich surreal an.

An manchen Abenden erhellte der Vollmond den Ozean so stark, dass wir kaum noch Stirnlampen brauchten. Jeder Sonnenauf- und -untergang malte den Himmel in anderen Farben und erinnerte uns daran, warum wir trotz aller Unannehmlichkeiten genau hier draußen sein wollen.

Der Ozean wird still

Am vierten Tag verschwand der Wind einfach. Die Segel hingen nicht nur kraftlos herunter, sie wurden zusätzlich von der Dünung hin- und hergerissen, während der Ozean weiter unbeirrt rollte. Ohne Wind als stabilisierende Kraft begann das Boot deutlich stärker von einer Seite auf die andere zu rollen. Nach einer Weile gaben wir auf, holten die Segel komplett ein und ließen uns einfach treiben, in der Hoffnung, ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Auf einer Überfahrt schlafen wir nicht in der Achterkabine. Stattdessen ziehen wir in den Salon um, näher zum Mittelpunkt des Bootes, wo die Bewegungen normalerweise etwas sanfter sind. Doch selbst dort ist es laut, wenn alles im Boot durch die Bewegung arbeitet, klappert und verschoben wird und man selbst weiterhin ordentlich durchgeschüttelt wird.

Zum Glück kam am nächsten Tag langsam wieder etwas Wind auf.

Land in Sicht

In der frühen Nacht des fünften Tages tauchten die Cookinseln endlich am Horizont auf. Noch nie wirkten ein paar Lichter in der Dunkelheit so schön. Zu diesem Zeitpunkt waren wir völlig erschöpft. Sechs Tage unterbrochener Schlaf, ständige Bewegung, ununterbrochenes Steuern und immer wieder kleinere Reparaturen hatten deutlich ihre Spuren hinterlassen. Leider war unser Timing alles andere als ideal. Als wir Aitutaki erreichten, war es bereits etwa vier Uhr morgens und komplett dunkel. Das Einlaufen durch die Riffpassage bei Nacht war keine Option. Die Einfahrt ist eng, von Korallen umgeben, wird von starker Strömung beeinflusst und gerade breit genug für unsere Bootsklasse. Wir standen also vor zwei Möglichkeiten: entweder noch vier Stunden außerhalb des Riffs kreuzen und warten oder vor dem Riff ankern.

Die Erschöpfung nahm uns die Entscheidung ab. Wir ließen den Anker in etwa 15 Metern Tiefe fallen und steckten das Fünffache dieser Tiefe an Kette. Hinter uns, vom Mondlicht beleuchtet, sahen wir deutlich die Wellen, die sich über dem Riff brachen. Die Korallen wirkten dabei noch näher, als uns lieb war. Während ich versuchte, unten ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, blieb Alex im Cockpit und überprüfte regelmäßig unsere Position, um sicherzugehen, dass der Anker hielt. Wirklich schlafen konnte keiner von uns.

Als am Morgen endlich das erste Licht kam, wirkte das Riff irgendwie noch näher als in der Dunkelheit der Nacht.

Durch die Nadel

Als wir uns auf das Einlaufen in den Hafen vorbereiteten, fuhr bereits ein Fischerboot vor uns durch die Riffpassage. Wir beobachteten, wie es von den steilen Wellen von einer Seite zur anderen geworfen wurde, während es versuchte, sich auf die schmale Einfahrt auszurichten. Das half definitiv nicht dabei, unsere Nerven zu beruhigen.

Als alles bereit war, funkteen wir den Hafen an, erhielten die Freigabe zum Einlaufen und lichteten langsam den Anker. Ich übernahm das Steuer, während Alex neben mir stand und als zweite Augen fungierte. Je näher wir dem Riff kamen, desto steiler wurden die Wellen. Das Boot wurde stark von einer Seite zur anderen gerollt, was es schwierig machte, einen geraden Kurs zu halten. Gleichzeitig drückte uns eine kräftige Strömung immer wieder aus der Linie. „Etwas nach Backbord… jetzt wieder Steuerbord… halten… weiter so…“ Ich korrigierte permanent am Steuer, während Alex ruhig die Richtungen ansagte. Beide konzentriert darauf, den schmalen Eingang im exakt richtigen Winkel zu treffen. Für einige angespannte Momente fühlte es sich an, als hätte der Ozean seine eigene Absicht. Dann, plötzlich, waren wir durch.

Die brechenden Wellen blieben hinter uns, das Wasser wurde sofort ruhig, und das Boot stabilisierte sich. Wir sahen uns an, mit breitem Lächeln und noch leicht zitternden Beinen. Der schwierigste Teil lag hinter uns, wir hatten die Riffpassage von Aitutaki sicher passiert.

Eine letzte Herausforderung

Sicher durch die Riffpassage zu kommen, war noch nicht das Ende der Geschichte. Der Hafen von Aitutaki ist klein, und es gab nur noch einen freien Platz für uns, zwischen zwei anderen Segelyachten. Festgemacht wird hier im sogenannten mediterranen Ankermanöver: Zuerst wird der Buganker ausgebracht, anschließend fährt man rückwärts Richtung Ufer, wo Helfer an Land die Heckleinen annehmen und sie an großen Betonblöcken befestigen. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Unser Boot hat einen ausgeprägten Propellereffekt (Prop Walk), wodurch das Heck beim Rückwärtsfahren sofort nach Backbord ausbricht. Ohne Bugstrahlruder bedeutet das: Jede Korrektur muss mit dem Ruder und viel Gefühl ausgeglichen werden, besonders in einem engen Raum zwischen zwei anderen Yachten.

Während ich vorsichtig rückwärts einparkte, kümmerte sich Alex um den Buganker und bereitete die Heckleinen vor. Mit kaum Platz zum Manövrieren arbeiteten wir uns Zentimeter für Zentimeter in die Lücke hinein. Am Ufer standen bereits einige Segler und beobachteten das Ganze. Als wir näher kamen, kamen sie direkt zu Hilfe, nahmen unsere Leinen an und gaben uns Hinweise, um das Boot richtig auszurichten.

Nach viel Kommunikation, ein paar Korrekturen (inklusive mehrefach erneutem Herausfahren und neu Ansetzen) und einer ordentlichen Portion Adrenalin lag Tauha schließlich sicher an ihrem Platz, fest vertäut in ihrem neuen Zuhause.

Willkommen auf den Cookinseln

Da Tauha nun endlich sicher festgemacht war, war es Zeit, offiziell in den Cookinseln anzukommen. Kurz nachdem wir das Boot aufgeräumt hatten, kam bereits der erste Beamte an Bord. Ein Gesundheitsinspektor überprüfte, ob jemand krank war oder ob wir mögliche Krankheiten ins Land eingeschleppt hatten. Nach ein paar freundlichen Fragen und einem kurzen Rundgang erhielten wir schließlich die Freigabe.

Danach ging es für uns zu Fuß ins Zollbüro. Mit unseren Pässen und einem Stapel Formulare in der Hand füllten wir die Einreisedokumente aus, beantworteten die üblichen Fragen, wo wir hergekommen waren und wohin wir als Nächstes wollten und schließlich ertönte das vertraute Geräusch eines weiteren Passstempels. Offiziell waren wir nun auf den Cookinseln angekommen.

Eine letzte Kontrolle stand jedoch noch aus. Einige Tage später kam der Biosecurity-Beamte an Bord (fragt uns nicht warum dieser nicht bei der Ankunft bereits an Board gekommen war). Seine Aufgabe war es zu überprüfen, dass wir keine verbotenen Pflanzen, Früchte, Gemüse oder andere Lebensmittel ins Land gebracht hatten, die Schädlinge oder Krankheiten auf die Inseln einschleppen könnten. Er ging unsere frischen Vorräte durch, stellte ein paar Fragen, nahm unseren Müll entgegen und blieb schließlich an etwas hängen. An unseren Limetten. Wie sich herausstellte, darf frisches Zitrusobst nicht in die Cookinseln importiert werden. Und so verabschiedeten sich unsere Limes nach mehr als 500 Seemeilen auf See wieder von uns, etwas schneller, als uns lieb war.

Mehr als 500 Seemeilen. Sechs Tage auf See. Defekte Ausrüstung. Nachtwachen. Ozeanduschen. Unzählige Wellen. Atemberaubende Sonnenuntergänge. Ein Vollmond über dem Pazifik. Und schließlich ein kleiner Hafen in einer der schönsten Lagunen der Welt. Als wir an diesem Abend im ruhigen Wasser saßen, umgeben statt von Wellen nun von Palmen, wurde es langsam wirklich greifbar. Wir waren tatsächlich von Französisch-Polynesien bis zu den Cookinseln gesegelt. Und ein völlig neues Abenteuer hatte gerade erst begonnen.

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