Aitutaki, Cookinseln

Mehr als nur die berühmte Lagune

Unser erster Stopp auf den Cookinseln war Aitutaki. Um ehrlich zu sein, kamen wir mit nicht allzu hohen Erwartungen an. Mehrere Segler, die wir unterwegs getroffen hatten, erzählten uns, dass ihnen ihr Aufenthalt dort nicht besonders gefallen hatte. Einige sagten sogar, dass sie die Cookinseln bei einer erneuten Pazifiküberquerung komplett auslassen würden. Der anspruchsvolle Hafeneingang hatte dem Ruf von Aitutaki sicherlich auch nicht geholfen.

Nach unserer eigenen, durchaus aufregenden Ankunft konnten wir verstehen, warum dieser Hafen seinen Ruf hatte. Aber was die Insel selbst anging? Wir hätten nicht positiver überrascht sein können.

Die Insel zu Fuß erkunden

An unserem ersten vollen Tag beschlossen wir, etwas zu tun, was hier offenbar kaum jemand macht: Aitutaki zu Fuß zu umrunden. Das Wetter hätte kaum besser sein können. Ein paar kurze Regenschauer, hier und da ein paar Wolken, aber größtenteils Sonnenschein, ohne die drückende tropische Hitze und Luftfeuchtigkeit. Perfektes Wanderwetter. Wir starteten entlang der Hauptstraße und machten uns schließlich auf den Weg zu einem der höchsten Hügel Aitutakis. „Berg“ ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber nach mehreren Wochen auf einem Segelboot fühlt sich jede Steigung wie ein echter Berg an!

Eines der ersten Dinge, die uns auffielen, war, wie unglaublich freundlich die Menschen hier waren. Vor unserer Ankunft hatte ich Alex noch damit aufgezogen, dass er vielleicht aufhören sollte, wirklich jedem einzelnen Menschen zu winken, an dem wir vorbeikommen. Schließlich könnten die Leute denken, wir hätten ein Problem oder würden uns verlaufen. Tja... hier passte Alex perfekt hin. Jeder winkte und jeder lächelte. Und wenn ich sage jeder, dann meine ich wirklich JEDER. Menschen, die auf ihren Rollern an uns vorbeifuhren, grüßten uns wie alte Freunde. Und Roller sind hier definitiv das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Egal ob jung oder alt, Mann oder Frau, es schien, als hätte wirklich jeder einen Roller.

Während wir diesen „Berg“ hinaufstiegen, waren wir umgeben von Hühnern. Hunderten von ihnen. Fast jedes Grundstück schien außerdem eigene Schweine, Ziegen und sogar einige Kühe zu haben. Es fühlte sich an, als wäre die ganze Insel ein einziger, wunderschön gepflegter Bauernhof. Oben angekommen, erreichten wir einen kleinen Aussichtspunkt mit einer Bank, von der aus man über die Lagune blicken konnte. Auch wenn Yachten nicht mit ihren eigenen Dinghys in die Lagune fahren durfen, konnten wir von hier oben trotzdem die unzähligen Türkistöne des Wassers bewundern. Es war einer dieser Orte, an denen man sich einfach hinsetzt, eine Weile schweigend die Aussicht genießt und den Moment auf sich wirken lässt.

Ein bisschen verlaufen...

Anstatt wieder umzukehren, beschlossen wir, weiter über die Insel Richtung Ostküste zu laufen. Zumindest war das der Plan. Irgendwann verschwand unser Weg jedoch einfach in dichter Vegetation. Der Pfad war komplett überwuchert, und ohne eine Machete gab es absolut keine Chance, dort weiterzukommen. Als wir gerade wieder umdrehten, kam zufällig ein Einheimischer auf seinem Roller vorbei. Er hielt an, fragte, wohin wir eigentlich wollten, und erklärte uns freundlich einen anderen Weg den Hügel hinunter. Ein weiteres Beispiel für die unglaubliche Hilfsbereitschaft, die wir überall auf Aitutaki erlebt haben. Seine Wegbeschreibung führte uns über einen kleinen, kurvigen Pfad durch einen üppig grünen Wald. Palmen, tropische Pflanzen, zwitschernde Vögel und überall das Summen von Insekten. Es war einfach wunderschön.

Einsiedlerkrebs-Jackpot

Als wir schließlich die Ostseite der Insel erreichten, beschlossen wir, die Straße zu meiden und stattdessen am Ufer entlangzulaufen. Es stellte sich heraus, dass dies einer unserer Lieblingsmomente des Tages werden sollte. Wir wateten durch knöcheltiefes Wasser, auf der einen Seite umgeben von Palmen und auf der anderen Seite von der unglaublich blauen Lagune. Kleine, aber auch erstaunlich große Krabben verschwanden jedes Mal schnell in ihren Löchern, sobald wir uns näherten. Und dann entdeckte Alex ihn. Einen riesigen Einsiedlerkrebs. Sein Tag hatte offiziell seinen Höhepunkt erreicht.

Irgendwann kehrten wir wieder zurück zur Straße und machten uns auf den Weg Richtung Hafen. Unterwegs hielten mehrere Autos an, nur um zu fragen, ob bei uns alles in Ordnung sei. Offenbar ist es auf Aitutaki äußerst ungewöhnlich, einfach irgendwohin zu laufen. Als unsere Beine in der Nähe des Hafens langsam müde wurden, hielt schließlich eine ältere Dame an und bot uns an, uns zum Supermarkt mitzunehmen. Da wir dort sowieso hinwollten, nahmen wir das Angebot dankbar an. Das Lustige daran? Sie stellte sich heraus als Österreicherin und lebte bereits seit über 30 Jahren auf Aitutaki. Plötzlich sprach ich mitten auf den Cookinseln Deutsch. Als sie später Alex auf Deutsch fragte, ob er ihr helfen könnte, einige der Früchte, die sie im Laden verkaufte, hineinzutragen, fiel seine sorgfältig aufrechterhaltene Tarnung als „der Amerikaner, der kein Deutsch spricht“, sofort auf. Alex trug kurzerhand alle Kisten hinein, worüber sie sich unglaublich freute. Nachdem wir noch ein paar Snacks eingekauft hatten, machten wir uns zu Fuß zurück zum Boot. Unser erster Eindruck von Aitutaki? Wunderschön. Sauber. Gepflegt. Und die Heimat einiger der freundlichsten Menschen, denen wir bisher im Pazifik begegnet sind.

Insel-Feierlichkeiten

An diesem Abend fand auf der Insel eine der regelmäßigen Gemeinschaftsveranstaltungen statt, mit Essen, Musik und Live-Auftritten. Dabei lernten wir eine wichtige Lektion über das Leben auf kleinen Inseln: Wenn man 45 Minuten zu spät zum Barbecue kommt, ist das Barbecue bereits alle. Zum Glück waren noch ein paar Desserts übrig, und wir konnten den Auftritt der lokalen Trommelgruppe des Aitutaki College genießen. Uns wurde erzählt, dass sie zur besten Trommelgruppe der Cookinseln gekürt wurden und sie spielten fantastische Musik.

Die Energie, die Musik und die Begeisterung der Menschen waren einfach mitreißend. Es war ein perfekter erster Einblick in das Gemeinschaftsleben auf Aitutaki.

Ein regnerisches BBQ

Am nächsten Tag waren wir zum Grillen auf einem anderen Segelboot eingeladen. Alex hatte bereits seine berühmten, in Soja-Ingwer-Marinade eingelegten Lammkoteletts vorbereitet, wir mussten also nur noch ein paar Beilagen organisieren. Den Vormittag verbrachten wir damit, nach frischem Gemüse zu suchen. Etwas, das sich auf vielen Inseln im Pazifik überraschend schwierig gestaltet. Ein großer Teil des frischen Gemüses und des frisch gefangenen Fisches geht direkt an die Hotels, wodurch die Auswahl für Einheimische und Segler oft ziemlich begrenzt ist. Auch wenn wir beim Gemüse nicht wirklich erfolgreich waren, konnten wir zumindest noch einige andere Vorräte auffüllen. Bevor wir zurück zum Boot gingen, mussten wir außerdem noch aus den Cookinseln auschecken. Da am nächsten Tag ein lokaler Feiertag war, danach das Wochenende begann und wir am Samstag weitersegeln wollten, mussten wir alle Formalitäten frühzeitig erledigen. Unser nächstes Ziel war das Palmerston Atoll, aber wir hatten noch keine Bestätigung erhalten, ob wir dort überhaupt anhalten durften. Die freundliche Dame im Zollbüro kümmerte sich darum, telefonierte für uns herum und kam nach kurzer Zeit mit guten Nachrichten zurück: Wir hatten die mündliche Erlaubnis bekommen, dort einen Stopp einzulegen. Mehr brauchten wir nicht. Vielen Dank!

Am Abend, genau in dem Moment, als wir gerade ins Dinghy steigen wollten, um zu unseren Freunden auf ihr Boot überzusetzen...fing es an zu regnen. Natürlich. Zum Glück hatten sie ein wunderschönes 57-Fuß-Segelboot mit einem riesigen überdachten Cockpit, sodass das Wetter kaum eine Rolle spielte. Alex warf den Grill an und schon bald genossen wir Soja-Ingwer-Lammkoteletts, gegrillten Mais, Würstchen, Rindfleischspieße und natürlich ein paar wohlverdiente Getränke. Wir verbrachten Stunden damit, über Segeln, Reisen, das Leben und eigentlich alles Mögliche zu reden. Irgendwann wechselten wir unter Deck, bewunderten ihr wunderschön gestaltetes Boot, öffneten noch eine Runde Bier und bemerkten plötzlich, dass es bereits ein Uhr morgens war. Draußen fiel weiterhin der Regen. Drinnen kümmerte das niemanden.

Eine Feier zu Ehren der Inselhäuptlinge

Der nächste Morgen kam deutlich zu früh. An diesem Tag fand auf Aitutaki eine ganz besondere Veranstaltung statt. Häuptlinge von Inseln aus den gesamten Cookinseln waren zusammengekommen, um gemeinsam Reden, Zeremonien und Feierlichkeiten abzuhalten. Es war das erste Mal, dass Aitutaki Gastgeber dieser Veranstaltung war und wir hatten das große Glück, genau zu dieser Zeit hier zu sein. Um sieben Uhr morgens begannen die Zeremonien mit dem Hissen von drei Flaggen: einer für die Cookinseln, einer für das House of Ariki (die traditionellen Häuptlinge) und einer für die Kirche. Danach folgten verschiedene offizielle Reden.

Den größten Teil des Tages verbrachten wir damit, Tauha auf die Abfahrt vorzubereiten. Dabei bekamen wir sogar Hilfe von einer unserer Nachbarinnen, die mich kurzerhand mit ihrem Roller zu einem anderen kleinen Laden mitnahm, wo Konserven etwas günstiger waren. Am Abend gingen wir dann zurück zu den eigentlichen Feierlichkeiten. Zuerst waren wir uns gar nicht sicher, wo genau die Veranstaltung stattfand. Doch als wir in der Ferne Trommeln hörten, folgten wir einfach der Musik. Sie führte uns zum Gelände der örtlichen Highschool, wo Menschen von verschiedenen Inseln ein unglaubliches Festmahl vorbereitet hatten. Es gab ein ganzes Spanferkel, frischen Fisch, Papayasalat, Taro-Gerichte, Kokos-Desserts, Bananenpudding und tropische Früchte, und so viel mehr. Es war so viel Essen, dass wir niemals alles probieren konnten. Während sich alle ihre Teller füllten, spielten lokale Musiker traditionelle Lieder und Tänzer führten wunderschöne Tänze der Cookinseln auf. Eine der Frauen, die für die Organisation des Essens verantwortlich war, bemerkte, dass wir während der Reden offensichtlich nicht ganz verstanden, was vor sich ging. Sie setzte sich kurzerhand zu uns, übersetzte Teile der Zeremonie, erklärte uns die Traditionen und unterhielt sich den ganzen Abend mit uns. Wieder einmal behandelten uns völlig fremde Menschen wie Freunde. Alle paar Minuten kam jemand vorbei und sagte: „Esst mehr!“ Wenn wir erklärten, dass wir wirklich satt seien, sahen sie ehrlich enttäuscht aus. Ein weiteres schönes Detail: Gegessen wurde fast ausschließlich mit den Händen. Gabeln und Messer gehörten einfach nicht wirklich zu diesem Erlebnis dazu.

Als wir nach Einbruch der Dunkelheit zurück zum Hafen liefen, war der Moment fast magisch. Die Milchstraße leuchtete hell über uns, während die Lagune vollkommen ruhig dalag. Und selbst auf diesem kurzen Spaziergang passierte es wieder: Vier verschiedene Autos hielten an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei oder ob wir eine Mitfahrgelegenheit bräuchten. Offenbar ist es auf Aitutaki wirklich äußerst ungewöhnlich, irgendwo zu Fuß hinzugehen. Ein Mann, der vor einigen Jahren auf die Insel gezogen war, erzählte uns später, dass er einmal zu Fuß zu seinem Nachbarn gegangen war, anstatt den Roller zu nehmen. Als er dort ankam, fragte ihn sein Nachbar ganz verwundert, wie er denn überhaupt zu seinem Haus gekommen sei. Spätestens da verstanden wir, warum sich alle so um uns sorgten.

Zeit Abschied zu nehmen

Am nächsten Morgen kam der Wind leider nicht wirklich auf, die Wellen hingegen schon. Anstatt unsere Abfahrt unter schwierigen Bedingungen zu erzwingen, entschieden wir uns, noch einen weiteren Tag zu bleiben, ein paar kleine Arbeiten an Tauha zu erledigen und einen letzten ruhigen Tag im Paradies zu genießen. Am Sonntag passte dann endlich alles. Eines unserer Nachbarboote verließ den Hafen zuerst und gab uns dadurch etwas mehr Platz zum Manövrieren. Ein anderer Segler, derselbe, der uns schon bei unserer schwierigen Ankunft geholfen und uns zum BBQ eingeladen hatte, stand erneut am Steg bereit, um unsere Leinen anzunehmen und uns beim Ablegen zu helfen. Anker hoch. Bug Richtung Riffpassage. Ein letzter Abschiedsgruß. Vorsichtig manövrierten wir durch den schmalen Kanal hinaus aufs offene Meer. Sobald wir die Riffpassage hinter uns gelassen hatten, setzten wir die Segel und beobachteten, wie das wunderschöne Aitutaki langsam hinter uns verschwand. Unser nächstes Ziel? Das winzige, abgelegene Palmerston Atoll.

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